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Geld zurück, Herr Humer!

Neid gilt gemeinhin als Sünde. Also reden wir lieber von gerechter Empörung. Sie wärmt, gerade an kalten Tagen, das Herz und ersetzt das feinstaubfördernde Kamin-Feuer. Wer sich also gerecht empören will, findet in den in diesem Tagen veröffentlichten Geschäftsberichten reichlich Nahrung. Beispielsweise unter http://www.roche.com/gb05e06.pdf. Dort kann man im Detail nachlesen, wer Roche regiert und wie viel dafür kassiert.

Schon die beiden Klassenphotos sind politisch in höchstem Mass unkorrekt: Auf Seite 47 zeigt man uns die oberste Geschäftsleitung: 12 Männer, alle im dunkeln Strassenanzug mit Krawatte, alle zwischen 50 und 60 Jahre alt und alle schätzungsweise zwischen 165 und 185 Zentimeter gross. Der Verwaltungsrat auf Seite 45 bietet dasselbe Bild: 11 Gestalten, alle etwas gleich alt und alle im dunklen Strassenanzug. Doch halt: Eine dieser Gestalten entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Frau.

Doch so richtig beruhigen dürften sich die Feministinnen nicht. Im Gegenteil: Offenbar muss frau sich als Mann verkleiden, wenn sie in der Männerwelt wenigstens geduldet sein will. Dasselbe Spiel kann man übrigens auch mit dem Geschäftsbericht der Novartis machen. Auch dort braucht man gute Augen, um die einzige Frau im Verwaltungsrat als solche zu erkennen.

Aufregen kann man sich auch über die Summen, welche sich die Verwaltungsräte für ihre Mühewaltung genehmigen. Peter Brabeck-Letmathe etwa sitzt zwar - weil er ja auch noch Nestlé-Chef ist, in keinem einzigen Komitee, kassiert aber dennoch 300'000 Franken. Das macht für jede der fünf Sitzungen des Gesamtverwaltungsrates immerhin 60'000 Franken, also etwa gleichviel wie ein Normalbürger pro Jahr verdient.

Doch so richtig aufregend wird es erst bei den Gehältern der geschäftsführenden Direktoren. Erstens, weil die Summen wirklich atemberaubend sind, auch wenn man sich allmählich daran gewöhnt. So werden etwa die Bezüge von Roche-Chef Franz B. Humer mit 14'741'295.00 Franken beziffert. Das ist nicht nur unverschämt viel, sondern erweckt zweitens auch den falschen Eindruck, als habe man sich die Mühe gegeben, Humers Salär genau zu beziffern. In Wirklichkeit sind die vierzehnkommasiebenviereinszweineunfünf Franken bloss das Ergebnis des Versuchs, Humers Bezüge möglichst bescheiden erscheinen zu lassen.

Wer es genauer wissen will, kann sich wie Tarzan an der Liane von Fussnote zu Fussnote an die Wahrheit heran hangeln. So verweist etwa die Anmerkung 20 auf die Tatsache, dass wesentliche Bestandteile von Humers Salär schon vor einem Jahr festgelegt wurden, als die Roche-Aktie 5 rund Prozent tiefer notierte als im Vergleichsjahr 2003. Das lehrt uns schon einmal, dass sich der Chef dafür 14,7 Millionen genehmigt hat, dass der den Wert seiner Aktionäre um gut 5 Milliarden Franken verringert hat. (Shareholder dürfen sich darüber aufregen.)

Zweitens aber sagt uns das auch, dass Humer sehr viel mehr als die 14,7 Millionen Franken kassiert hat. Der angegebene Wert seiner Optionen basiert nämlich noch auf einem Aktienkurs von 123 Franken. Heute steht der Kurs aber schon bei 196 Franken. Allein dadurch wird Humers Kuchenstück schon mal um rund 5 Millionen Franken grösser. Wer von Kreuzworträtseln und Sudokus genug hat, kann ferner versuchen, herauszufinden, wie viele zusätzliche Millionen sich im "Performance Share Plan" noch verstecken. Die nötigen Erklärungen findet der geneigte Leser auf den Seiten 50 folgende.

Für diejenigen, die im Optionen-Rechnen weniger geübt ist, hier noch ein einfacher Dreisatz:. Wenn Humer 14,7 Millionen Franken dafür erhält, dass er den Kurs der Roche-Aktie um 5 Prozent verringert ha , wie viel erhält er nächstes Jahr, wenn sein Salär auf der Grundlage einer Kurssteigerung um 50 Prozent festgelegt wird?

Richtige Lösung: Humer muss 147 Millionen Franken zurückzahlen.

Wetten, dass die salär-mathematische Abteilung von Roche auch den Dreisatz völlig neu erfindet.

Der Prüfer regiert

Pressekonferenz der Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG im Zunftsaal des Hotel Widder in Zürich.
Der Saal sieht teuer aus, die Herren von der KMPG in ihren Massanzügen auch. Und deswegen sind sie auch gekommen, um stolz zu verkünden, dass sie noch teurer geworden. Um nicht weniger als 12,9 Prozent auf 367 Millionen Franken ist ich Umsatz im ablaufenden Jahr gestiegen.

367 Millionen Franken sind viel Geld - vor allem für die, die es zahlen müssen, zumal die Rechnung der KPMG ja nur ein Teil des Prüfungsaufwandes ist, und weil - wie Verwaltungsratspräsident Philipp Hallauer nicht müde wird zu betonen - die Prüfung der Bilanz und Erfolgrechnungen immer komplexer werde.

Um diesen Punkt zu unterstreichen zeigt er zwei dicke Bücher. Es handelt sich um den schweizerischen Nachvollzug der globalen Rechnungslegungsvorschriften, die vor allem von den USA und von den Kapitalmärkten diktiert werden. Wer vom internationalen Kapitalmarkt Geld will, der braucht eine kleine, teure Armee von Spezialisten, die dafür sorgen, dass das ganze komplexe Regelwerk eingehalten wird. Das Honorar der KPMG ist dann nur noch das Sahnehäubchen obendrauf.

Lohnt sich das? Klar. Die grossen Firmen brauchen zwar kein Geld vom Kapitalmarkt. Das bisschen, was sie noch investieren, können sie locker aus dem eigenen Gewinnen finanzieren. Der Kapitalmarkt wird aber gebraucht, um den Kurs der eigenen Aktien pflegen zu können, was wiederum wichtig ist für das Salär der Bosse.

Die Optionspläne und Aktienbeteiligungsprogramme der Chef sind also der Hebel, der es dem Kapitalmarkt möglich macht, den Firmen seine Regeln aufdrängen zu können. Diese Regeln sind
zwar wahrscheinlich alle irgendwie sinnvoll, aber sie verursachen enorme Kosten. Wie machen das kleinere Firmen, die - anders als die Bank- und Pharmagiganten - noch rechnen müssen? Hallauer gibt zu, dass der Trend zu immer komplexeren Buchhaltungs-Regeln auch seine Kehrseiten habe. Deshalb sei man in der Schweiz daran, für kleinere Firmen erleichterte Regeln aufzustellen, und für Firmen, die nicht an der Börse kotiert seien, gilt ohnehin nur das schweizerische Recht.

Ist das ein Trost? Was, wenn die Pensionskassen - sicher ist sicher - darauf bestehen, unser Geld nur noch in Firmen anzulegen, die nach den globalen Regeln geprüft und für gut befunden worden sind? Womit sollen dann all die mittelständischen Betriebe unsere künftigen Arbeitsplätze finanzieren?

Der KPMG geht es gut und Philipp Hallauer versprüht jede Menge von Optimismus. Doch irgendwie will der Funke nicht überspringen.

Tausche 5 Milliarden Guthaben gegen eine Milliarde Schulden

Würden Sie 5 Milliarden gegen 249 Millionen tauschen? Das ist, wenn man den Kaufpreis mit dem Bilanzwert vergleicht, der Deal, den Swisscom-Chef Jens Alder mit dem Kauf des irischen Telecom-Anbieters Eircom gemacht hätte, wäre er nicht von Christoph Blocher gebremst worden. Dass dabei Schweizer Franken mit britischen Pfund verglichen werden, kommt noch erschwerend dazu. Denn, dass die Eircom ein positives Eigenkapital ausweist verdankt sie allein dem Umstand, dass immaterielle Werte im Umfang von 683 Millionen Pfund aktiviert worden sind. Rechnet man die weg, bleibt ein Minus von 433 Millionen Pfund. Oder in Franken: Tausche ein Guthaben von 5 Milliarden gegen eine Schuld von 1 Milliarde.

Ist Alder also ein Depp? Nicht unbedingt. Eircom hat letztes Jahr einen Reingewinn von 114 Millionen Pfund oder gut 250 Millionen Franken ausgewiesen. Tendenz steigend. Wenn Alder den ganzen Kaufpreis mit Kredit finanziert, kostet ihn das maximal 125 Millionen Franken. Zudem kann er die rund 2,4 Milliarden Franken Schulden der Eircom umschulden, billiger verzinsen und damit mindestens 25 Millionen Franken jährlich einsparen. Aus dieser Perspektive sieht der Kauf der Eircom so aus: Die Swisscom gibt jährlich 100 Millionen Franken aus und nimmt dafür 250 Millionen Franken ein.

Wer ist jetzt der Depp? Alder oder Blocher? Oder vielleicht all diejenigen, die zu schnell "Depp" gerufen haben. Blochers Rechnung (5 Milliarden für minus 1 Milliarde) gilt, falls Eircom morgen Pleite geht, weil vielleicht ein übermächtiger Konkurrent auf den Plan tritt. Alders Rechnung geht auf, wenn alles in etwa wie bisher weiter läuft. Um sich darüber ein Urteil bilden zu können, muss man das Geschäft schon sehr genau kennen. Genau das aber ist die Aufgabe der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrates (in diesem Fall) der Swisscom. Sie kennen sich im Zweifelsfall besser aus, als irgendein Grossaktionär (in diesem Fall der Bundesrat), der sich nur nebenbei auch noch um seine Beteiligung kümmert. Das ist der Grund, warum das Aktienrecht genau vorschreibt, wie Entscheidungen in einer Aktiengesellschaft zustande kommen: Die Geschäftleistung bereitet vor, der Verwaltungsrat prüft und diskutiert , die Aktionäre werden informiert und wählen notfalls den Verwaltungsrat ab, entscheiden aber nicht direkt mit.

Diese Grundregel der Corporate Governance hat der Bundesrat verletzt. Vielleicht wird deshalb letztlich ein letztlich ein Gericht klären müssen, ob er damit die Minderheitsaktionäre zu schaden gebracht hat.

Bleibt der Verdacht, dass zwei so erfahrene und insgesamt erfolgreiche Unternehmer nur deshalb so unterschiedliche Ansichten haben, weil es ihnen gar nicht um die Swisscom geht, sondern um etwas ganz anderes. Blocher könnte vom Wunsch beseelt worden sein, seinem "Kollegen" Moritz Leuenberger eins auszuwischen. Alder könnte sein eigenes Interesse vor das seiner Aktionäre gestellt haben.

In der Tat gibt es da ein paar Verdachtsmomente. Gemäss dem Swisscom-Geschäftsbericht misst sich Alders Gesamtvergütung nach dem Netto-Umsatz, nach dem Operating Free Cash Flow und nach der EBITDA-Marge, also nach dem Gewinn vor Steuern, Abschreibungen und Zinsen. Alle diese Kennziffern, insbesondere die EBITDA-Marge hätten sich durch den Kauf der Eircom deutlich verbessert. Was nicht erstaunt, denn die EBITDA-Kennziffer klammert alles aus, was beim Kauf einer Firma wie Eircom unter Umständen ins Auge gehen kann: Hohe Abschreibungen und hohe Zinsen wegen der hohen Schuldenlast.

Ob der Eigennutz bei Alders Investitionsentscheiden tatsächlich eine Rolle gespielt hat, wird man nie erfahren, geschweige denn beweisen können. Alder ist gescheit genug, um alle seine Entscheide sachlich begründen zu können. Was in seinem Kopf wirklich vorgeht, bleibt uns verborgen. Umso wichtiger ist es, dass die Anreize für das Management so gesetzt werden, dass die Alders gar nie in Versuchung kommen, den Eigennutz vor das Gesamtinteresse zu stellen.

Bei Blocher liegen die Dinge etwas anders: Der Streit um die Swisscom ist ein Test dafür, ob seine Motive echt oder nur vorgeschoben sind. Sind seine Bedenken ernst gemeint, so müsste er dafür sorgen, dass das Vergütungsreglement bei der Swisscom schleunigst geändert wird. Wenn nicht, hat Blocher die Swisscom zu politischen Zwecken missbraucht.

Abwarten und beobachten.









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