Medienschelte
Die NZZ weiss, was gut ist, und sie geizt nicht mit guten Ratschlägen und Lob und Tadel. Portugal bleibt davon nur deshalb verschont, weil dort glücklicherweise kaum jemand den Wirtschaftsteil der NZZ lesen dürfte. Zudem kommt der Tadel der alten Tante ein wenig spät. Im zweiten Quartal dieses Jahres ist die portugiesische Wirtschaft nämlich erstmals "richtig" gewachsen. Unter dem Zwischentitel "Das richtige Wachstum" liest man da: "Getragen wurde das Wachstum nicht mehr vom privaten Konsum, der in den letzten Jahren trotz Krisenstimmung teilweisen noch kräftig zugelegt hatte, sondern - entsprechend der Idealvorstellung von einem gesunden Wachstum - von einem Wachstum der Exporte von Waren und Dienstleistungen."
In den vergangenen fünf Jahren ist Portugals Privatkonsum gerade mal um durchschnittlich 1,4 Prozent gewachsen. Das ist zwar wenig - die Engländer etwa haben ihren Konsum fast doppelt so schnell gesteigert - doch der Privatkonsum hat Portugals Regierung daran gehindert, mit ihrer von der EU-Kommission erzwungenen Sparpolitik das Land vollends in die Depression zu treiben. Das ist zumindest aus der Sicht der nationalen Buchhaltung klar. Zwar kann man rein theoretisch auch die gegenteilige These vertreten, wonach der "kräftige" private Konsum die "Sanierung" Portugals verzögert habe. Doch ein solcher Zusammenhang ist sehr unwahrscheinlich.
Vollends "idealogischer" Unsinn ist jedoch die "Idealvorstellung", wonach ein "gesunder" Aufschwung immer nur über den Export und nie über die einheimische Nachfrage laufen muss. Es ist nämlich so, dass auch Exporte nur als Exporte registriert werden, wenn jemand die Ware gekauft hat, und das wiederum macht nur Sinn, wenn man das käuflich Erworbene auch konsumiert. Kurz: Der Export der einen ist der Konsum der anderen. Wenn alle immer nur exportieren wollen, schwingt keiner gesund auf. Auch wenn das die NZZ nie begreifen wird.
Werner_Vontobel - 30. Sep, 19:46
Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel bietet in der jüngsten Nummer mit seiner Titelgeschichte ein bemerkenswertes Stück Journalismus. Auf der Titelseite werden die Leser schon mal eingestimmt: Eine Armee von finsteren Terracotta-Kriegern überrollt uns. Als Waffen tragen die Krieger Autos, PCs, Handys, Lokomotiven, Frachtern und Fotoapparaten. Damit so spürt man, wollen sie uns vernichten.
Dann folgt auf den Seiten 45 bis 68 die inzwischen übliche Litanei: Die Chinesen kommen und Osteuropa noch dazu. "Nie zuvor in der Geschichte hat es eine derartige Ausweitung des Arbeitskräfte-Angebots gegeben. Eine wahre Arbeiterinflation ist in Gang gekommen, denn dieser Angebotserweiterung steht keine auch nur vergleichbare Nachfrage entgegen." Und der unheilschwangere Text wird eingerahmt durch noch bedrohlichere Bilder und Graphiken: Deutschlands Industriearbeitsplätze schwinden, Chinas Devisenreserven, der Spiegelbild der Exportüberschüsse, wachsen ins Unendliche. Hier arbeitslose Deutsche, dort Chinas uniformierte Arbeitermassen. Die Konsequenz ist klar: Löhne und Lebenshaltung runter: "Selbst ein sofortiges Einfrieren der Löhne in Westeuropa bringt nicht viel. Selbst bei gleich bleibendem Lohnanstieg in den Angreiferstaaten wären die Einkommen dieser Länder in 30 Jahren immer erst halb so hoch wie im Westen."
Ähnliches hatte man in "Spiegel", "Stern", FAZ, NZZ usw. schon oft gelesen. Doch erstmals ist die Geschichte hier nicht zu Ende. Endlich traut sich einer - der Spiegel- und Buchautor Gabor Steingart - die nahe liegend Frage zu stellen, ob denn eine Globalisierung, die fast alle ärmer macht, nicht besser vermieden werden sollte. Und seine Antwort ist so gesehen nur logisch: Wir müssen uns wehren. "Dem friedlichen Warenaustausch gab es schon damals nur in den Werken der Klassiker. Die Handelskonditionen sind für China nur eine Frage der Nützlichkeit, nicht des Glaubens. Europa täte gut daran, für Waffengleichheit zu sorgen."
Im Klartext: Europa braucht eine starke Dosis Protektionismus. Das ist aus deutscher Sicht schon mal ein bedeutender intellektueller Fortschritt. Bisher war die Frage nach dem Sinn der Globalisierung im Establishment tabu. Doch leider hat Steingart bei der Analyse nicht die richtigen Fragen gestellt. Sonst wäre ihm wahrscheinlich aufgefallen, dass die Gefahr nicht in erster Linie aus China droht, sondern aus Deutschland selbst kommt. Preussiche Pickelhauben statt chinesische Terracotta-Krieger.
Das Hauptproblem der Globalisierung sind unsere Antworten darauf: Sparprogramme, Gürtel enger schnallen, Löhne kürzen, noch mehr arbeiten, all dieser Unsinn.
Zunächst einmal: Was ist so schlimm daran, wenn uns die Weisen aus dem Morgenland mit billigen Gütern überschütten? Wie können alle ärmer werden, wenn gleichzeitig die Wirtschaft immer produktiver wird? Irgendjemand muss ja das Zeug konsumieren. Zwar könnte es theoretisch sein, dass die Chinesen alles produzieren und für uns nichts mehr zu produzieren bleibt. Doch das passiert erstens nicht. Die Schweiz hat enorme Handelsüberschüsse. Deutschland auch. Und zweitens: Selbst wenn es passiert, so what? Die USA haben riesige Handelsdefizite und dennoch hohe Wachstumsraten.
Steingart fällt einem Copperfield-Trick zum Opfer:Zwar wandern wie immer einige Arbeitsplätze ins Ausland ab. Zurzeit vor allem nach China. Viele wandern auch zurück. Das Hin und Her ist hektischer als auch schon. Das erreigt unsere Aufmerksamkeit. Doch insgesamt, per Saldo, wandern die Arbeitsplätze nicht ab. Sie werden dadurch überflüssig gemacht, dass die Produktivität schneller steigt als der Konsum. Das war schon immer so. Und es macht absolut keinen Sinn, das ändern zu wollen.
Man kann diesen Prozess allerdings beschleunigen, indem man dafür sorgt, dass die Löhne langsamer steigen als die Produktivität. Das ist der sicherste Weg zur Massen-Arbeitslosigkeit - und Deutschland beschreitet ihn seit 20 Jahren.
Bevor Deutschland deshalb zu protektionistischen Massnahmen greift, sollte man es vielleicht mal mit einer vernünftigen Lohnpolitik versuchen.
Werner_Vontobel - 13. Sep, 18:02
Kann man von 1000 Franken pro Monat leben? Vielleicht wenn man noch bei den Eltern wohnt und auf Besuche im Kino und im Restaurant verzichtet, und so lange man nicht krank wird. Aber so richtig frei würde man sich unter diesen finanziell beengten Verhältnissen wohl nicht fühlen.
Fühlte man sich freier, wenn der Lohn wenigsten schon mal auf 1500 Franken steigt? Wahrscheinlich, zumindest eine kurze Zeit lang.
Doch wie frei sind eigentlich die Menschen, die für umgerechnet etwa 10 Franken pro Stunde zu einer mühseligen Putzarbeit verpflichten lassen? Und wie vergleicht sich ihre Freiheit mit der - sagen wir mal - eines NZZ-Redaktors der alles in allem gut das Fünffache verdienen dürfte?
Das sind lauter Fragen, die man sich an der Falkenstrasse offenbar nicht stellt. Denn dort werden die Löhne (der anderen) nicht daran gemessen, ob man davon anständig leben kann, sondern ob sie "markträumend" sind. Das, so weiss die NZZ, sei der gesetzliche Mindestlohn von 7 Euro, der diese Woche für Deutschlands Gebäudereiniger/innen eingeführt worden ist, "längst nicht".
Genaueres erfahren wir nicht, doch wir dürfen annehmen, dass ein Lohn von etwa 5 Euro pro Stunde das Kriterium des Markträumens erfüllt. Dieser Begriff meint den Preis, bei dem sich Angebot und Nachfrage gerade etwa ausgleichen. Das Lehrbuch, in dem solche Weisheiten stehen, ist realistischer als deren Autoren je gedacht haben. In der Tat könnte man sich vorstellen, dass ein Hungerlohn von 5 Euro genau so viele Gebäudereiniger am Leben oder bei Kräften hält, wie der deutsche Markt zurzeit gerade braucht. Zum würde so die "strukturelle Arbeitslosigkeit" bekämpft. Wer wegen Tod oder Krankheit ausfällt, fällt auch aus der Arbeitslosenstatistik.
Ist also ein lebenserhaltender Mindestlohn vielleicht doch eine gute Sache? Nein, denn was ist ein Leben ohne Freiheit? "Statt nach Merkels Slogan mehr Freiheit zu wagen", so klagt die NZZ, "werden den Arbeitnehmern noch mehr Fesseln angelegt."
Glaubt man der NZZ, so droht Deutschland eine flächendeckende Massenfesselung: "Die tariflichen Mindestlöhne gelten dann für alle 850'000 Arbeitnehmer im Lande, die Konkurrenz ausländischer Betriebe wird zur Freude der Gewerkschaft und des Branchenverbands ausgeschaltet. Doch das ist längst nicht alles. Bereits buhlen Gewerkschaften und Verbände der boomenden Zeitarbeitsbranche um denselben Schutz."
Wo käme man da hin, wenn jeder vom Lohn auch noch leben wollte?
Werner_Vontobel - 26. Aug, 20:00
"Das Datenleck bei Swift legt in der Bankenszene die Nerven blank. Die einen wollen nichts gewusst haben. Die andern wussten mehr, als sie zugeben."
Tages-Anzeiger vom 7. Juli
Immer, wenn sich irgendwo ein Skandal ereignet, wissen wir Journalisten, dass sich folgende Frage aufdrängt: Wer hat wann was gewusst? So auch bei der so genannten Swift-Affäre. Klar scheint inzwischen, dass die Verwaltungsräte der Swift informiert waren. Dass deshalb auch die beiden Grossbanken über ihre Vertreter im Swift-Verwaltungsrat Bescheid wussten, darf zumindest vermutet werden. Offen bleibt, gemäss einem Bericht des TA, ob nicht auch die kleinen Vermögensverwaltungsbanken, die jetzt so empört aufschreien. nicht längst Gelegenheit gehabt hätten, sich kundig zu machen.
So weit der öffentliche Wissensstand zur Wer-Hat-Wann-Was-Gewusst-Frage. Gerne hätte man auch erfahren, ob es sich bei dieser "Affäre" wirklich um einen Skandal handelt, worin genau der eventuelle Schaden besteht, wer allenfalls wie geschädigt worden ist, und ob eventuelle Eingriffe in die Privatsphäre (Verletzung des Bankgeheimnisses) nicht allenfalls durch ein höheres Gut (öffentliche Sicherheit? Schutz vor Terror?) gerechtfertigt sein könnten.
Doch bei diesen Sachfragen hat sich niemand aufgehalten. Die Empörung war schneller. CIA und Bankgeheimnis sind Schlagwörter, die fest einprogrammierte Reflexe auslösen. Man ist gegen die CIA und man verteidigt das Bankgeheimnis. Zumindest dann, wenn es vom Ausland angegriffen wird. Was es dann noch braucht, ist der lokale Buhmann, der Mann oder die Institution, der die Schweiz verraten oder doch zumindest das nationale Interesse nicht heldenhaft genug verteidigt hat.
Doch welches (nationale) Interesse? Offenbar geht es darum, dass der CIA zwar nicht über Bestände auf den Bankkonten, aber immerhin über den grenzüberschreitenden Geldverkehr informiert wird. Welcher Missbrauch wird dadurch möglich? Werden Informationen an die Steuerbehörden weitergegeben? Und wenn ja, wie ist dieser Eingriff in die Privatsphäre zu werten? Niemand hat diese Fragen konkret erörtert. Die Medien begnügten sich damit, eine Verletzung des Bankgeheimnisses festzustellen.
Manchmal wurde noch die Überlegung angestellt, dass allein dieser Verdacht, die internationalen Anleger dazu bewegen könnte, die Schweiz zu meiden, womit sich dann indirekt ein Schaden für den Finanzplatz Schweiz ergäbe, ohne dass irgend ein Anleger einen direkten Schaden erleiden musste.
Auf der andern Seite ist es ja zumindest nicht ausgeschlossen, dass dank dem Zugriff der CIA auf die Swift-Daten tatsächlich Verbrechen bekämpft oder terroristische Anschläge vereitelt werden können. Die Schweizer Medien haben diese Frage nicht erörtert. Aus Gedankenlosigkeit? Oder weil unser Bankgeheimnis ohnehin (und ohne Diskussion) wichtiger ist als Menschenleben?
Oder sind die Schweizer Medien inzwischen kollektiv davon überzeugt, dass die US-Regierung den Kampf gegen den Terror bloss als Vorwand benutzt, um unter Missachtung aller Persönlichkeitsrechte die totale Macht an sich zu reissen? Doch, wenn das unsere Sorge sein sollte, warum machen denn die wirklich gravierenden Übergriffe der US-Regierung (Guantanamo, Afghanistan, Irak) kaum je Schlagzeilen?
Die Welt draussen lässt uns ziemlich kalt. Doch wehe ein Datenleck im Swift kratzt am Bankgeheimnis. Dann liegen bei uns die Nerven blank.
Werner_Vontobel - 8. Jul, 18:05
Wer am letzten Wochenende dieses Jahres die FuW und die NZZ gelesen hat, weiss: Das versprengte Fähnlein der letzten aufrechten Liberalen steht mit dem Rücken zu Wand. Drum ruft G.S. die Seinen wieder einmal zum letzten Gefecht auf: "Noch wichtiger aber wird es sein, mit Beharrlichkeit für Nüchternheit und Realismus einzutreten, auch dort wo es unbequem und unpopulär ist. Sonst wird es schwierig werden, den säuselnden Einflüsterern, die unter dem Deckmantel des Liberalismus Nivellierung und Staatsgläubigkeit verkaufen, Paroli zu bieten."
Ja, der Teufel der Freiheitsfeindlichkeit tritt in mannigfaltiger Gestalt auf. Professor Franz Jaeger hat ihn (als Leitartikler der FuW) beispielsweise in den "bundesrichterlichen Robenträgern" erkannt, die sich "wie Moralapostel als selbst ernannte Schutzpatrone der Aktionäre in die Corporate Governance und in die unternehmerische Vertragsfreiheit einmischen".
Die Anspielung zielt natürlich auf den Fall Mannesmann/Ackermann. In der Schweiz kann man, immer nach Jaeger, den Versucher daran erkennen, dass er sich, "linkspopulistischem Mainstream gehorchend, zunehmend eine sozialen Gleichmacherei nach dem Giesskannenprinzip. sowie einer kollektivistischen Zwangssolidariät verschreibt." Alles klar?
Den echten Liberalen hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass er sich durch keine wie auch immer geartete Form der Ungleichheit in seinem Glauben irre machen lässt. Dazu G.S: "Wenn Armut und Mangel, Behinderung und Krankheit, Leistungsunfähigkeit, ja selbst Leistungsunwilligkeit mit Unfreiheit gleichgesetzt wird, wird ihre Bekämpfung vermeintlich zur liberalen Aufgabe." Im Klartext: Die Bekämpfung von Armut ist keine liberale Aufgabe. Wer Armut bekämpft, kann kein Liberaler sein.
Und wenn schon der Kampf gegen die Armut anrüchig ist, dann darf der echte Liberale- immer aus der Sicht von G.S. - erst recht nicht die Meinung vertreten, "Private-Equity-Firmen seien Heuschrecken, hohe Managerlöhne gehörten gesetzlich eingedämmt, die Erhebung einer Reichtumssteuer sei gar nicht so übel. oder Steuerwettbewerb (der Slowakei oder Obwaldens) sei unfair."
Die Grundidee für diesen Kriterienkatalog stammt - natürlich - vom ultraliberalen Altvater Friedrich August von Hayek. Sein Schüler G.S. macht daraus einen praktisch anwendbaren Lackmus-Test liberaler Gesinnung: "Liberale Positionen stehen in all diesen Fragen wie so oft quer zum Mainstream. Wären sie mit ihm deckungsgleich, wären sie eigentlich wertlos." Jetzt gehen bei G.S. endgültig die Emotionen hoch. Er wandelt sich zum liberalen Volkstribun "Es ist dem Liberalismus geradezu als Aufgabe gestellt", ereifert er sich, "zu helfen, dass die Freiheit nicht unter die Räder des Populismus und der hochgehenden Emotionen gerät."
Einverstanden. Man kann Freiheit so definieren - wenn man zeigen will, dass man Hayek gelesen hat. Es gibt aber auch eine andere Freiheit, die der Res Publica- - die Lust über die öffentliche Sache zu diskutieren und notfalls auch einmal einen Mehrheitsentscheid zu fällen, ohne dass sich die Unterlegenen gleich als Opfer "kollektivistischer Zwangssolidarität" sehen.
Diese Freiheit der Res Publica setzt allerdings voraus, dass man den anderen ernst nimmt. G.S. und Franz Jaeger können das nicht. Sie ziehen eine klare Trennlinie: Hier das letztes Bollwerk der Vernunft, der Nüchternheit und des Realismus. Dort die "säuselnden Einflüsterer", die "etatistischen Moralapostel", und die "hochgehenden Emotionen".
Schade. Was gibt es schöneres als eine ernsthafte Diskussion unter freien Bürgern? Aber dazu bräuchte es von beiden Seiten ein Mindestmass an Nachdenklichkeit.
Werner_Vontobel - 31. Dez, 17:46
Die NZZ gilt noch immer als eine der besten Zeitungen der Welt. Für den Wirtschaftsteil hingegen trifft dies eher weniger zu. Zu oft wird dort reine Desinformation betrieben.
Zum Beispiel mit dem Beitrag "Zwei Drittel für den Staa." Vom vergangenen Freitag. Mit diesem Titel macht die NZZ auf die "hohe Grenzbelastung für die Arbeit in Deutschland" aufmerksam. Die Quelle der Erkenntnis ist einmal mehr das Münchner Ifo-Institut des umstrittenen Professor Hans-Werner Sinn, ein erklärter Gegner des Sozialstaates. Seine Informationen sind nicht immer falsch, aber fast immer tendenziös. Die Wirtschaftsredaktion der NZZ stört das nicht, denn sie verfolgt das gleiche Ziel und haut munter in dieselbe Kerbe: Das Ausmass der Grenzbelastung ist "erschreckend", die "Zwangsabgaben" sind "enorm", der "Zugriff des Staates auf die Durchschnittseinkommen" ist ebenfalls enorm. Offenbar, so schliesst der Leser, gibt es in Deutschland ein gefrässiges Moloch, das den Bürgern mehr als die Hälfte des Einkommens weg frisst.
Man fragt sich, in welcher Fantasiewelt Sinn und die NZZ leben. Wahrscheinlich ist ihre Welt von selbstversorgenden Trappern bevölkert. Die reale Welt ist anders: Der durchschnittliche Deutsche arbeitet i 40 Jahre lang, davon verliert er vier Jahre durch Arbeit und eines durch Krankheit, und lebt dann noch 20 Jahre lang als Rentner. Wenn er in den 25 arbeitsfreien Jahren 80 Prozent seines versichern will, muss er dafür nach Adam Riese schon mal gut einen Drittel seines Arbeitseinkommens umschichten. Und diese Umschichtung von Einkommen muss irgendwie finanziert werden.
In Anbetracht dieser Fakten, sind die 14,4 Prozent des Sozialprodukts die Deutschland laut OECD für Sozialabzüge ausgibt nicht sonderlich viel. In den USA ist dieser Anteil mit 6,7 Prozent zwar deutlich tiefer, aber das hat seinen Preis. In den USA ist die Alters- und Krankenversicherung nicht staatlich, sondern auf der Ebene der Betriebe organisiert. Mit der Folge, dass erstens ein grosser Teil der US-Amerikaner nicht gegen Krankheit versichert ist. Und dass zweitens die betriebliche Alters- und Krankenversicherung zurzeit in grossen Schwierigkeiten steckt und massiv abgebaut wird.
Kommt dazu, dass auch in Deutschland die Strassen, Schulen und Gerichte nicht gratis sind. Die Ausgaben für den Staatskonsum beanspruchen etwa 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts - ungefähr gleich viel wie in anderen Industrieländern auch. Auch diese Ausgaben müssen bezahlt werden, und deshalb beträgt die allgemeine Steuerlast in Deutschland gemäss OECD 21.1 Prozent, 2,3 Prozentpunkte mehr als in den USA. Sinn und die NZZ weisen zwar zu recht darauf hin, dass die Durchschnittseinkommen in Deutschland relativ hoch belastet sind. Doch das hängt auch damit zusammen, dass Deutschland Unternehmer (wie von Sinn gefordert) kaum noch Steuern bezahlen. Ihr Beitrag ist - immer gemäss OECD - nur gut halb so hoch wie der der US-Firmen.
Doch davon schreibt die NZZ natürlich nichts. Das passt nicht in das Bild vom Moloch Staat.
U.W.w.g. Um Widerspruch wird gebeten.
Werner_Vontobel - 24. Dez, 16:41
Der Münchner Professor Hans-Werner Sinn bleibt beharrlich und hat damit Erfolg - zumindest in der Schweiz. Die "NZZ am Sonntag" verbreitete seine Thesen in einem Interview und verzichtete auf kritische Fragen. Die "SonntagsZeitung" lobte sein neues Buch.*
Sinn erklärt das schwache Wachstum und die hohen Exportüberschüsse Deutschlands wie folgt:
"Wegen der überhöhten Löhne (von durchschnittlich 27 Euro) gehen die arbeitsintensiven Binnensektoren zu schnell kaputt, und das dort freigesetzte Kapital, die Talente und die einfache Arbeit drängen in die kapitalintensiven Exportsektoren, wo sie noch am ehesten mit den hohen Löhnen zurechtkommen. Das Land exportiert zu viel und spezialisiert sich zu stark."
Der NZZ am Sonntag kann das offenbar nachvollziehen. Deshalb wollte sie als nächstes wissen, wie stark denn die Arbeitskosten sinken müssen. Das wisse er nicht genau, meinte Sinn, "aber sicher ist: Wir müssten um ein Drittel runter, wenn wir uns mit England oder Frankreich vergleichen wollen."
Die Kollegen von der NZZ am Sonntag haben können mildernde Umstände geltend machen. Schnell dahin gesprochen, klingen die sinn'schen Sätze ganz gut. Der Unsinn wird erst offensichtlich, wenn man Zeit hat, zu begreifen, was Sinn wirklich behauptet, nämlich dies: Deutschlands Produkte sind, laut Sinn, einerseits zu teuer für einen Markt (den Binnenmarkt), in dem die Konsumenten im Schnitt 27 Euro verdienen, aber sie sind zu teuer für die (Export-) Märkte, auf denen die Konsumenten 19 Euro oder weniger verdienen?
Da leuchtet eine andere These eher ein und vor allem passt sie viel besser zu den Fakten: Deutschlands Löhne im Verhältnis zur Produktivität zu tief und nicht zu hoch. Deshalb ist Deutschlands Export so enorm wettbewerbsfähig, und wegen dem ständigen Lohndruck wollen Deutschlands Konsumenten nicht mehr kaufen.
In Deutschland hat der sehr konservative "Sachverständigenrat" die Thesen von Sinn vor über einem offiziell als unwissenschaftlich erkannt und zurückgewiesen. Jetzt tingelt Sinn halt in der Provinz.
U.W.w.g. (Um Widerspruch wird gebeten)
* Hans-Werner Sinn: «Die Basar- Ökonomie», Econ, 26.80 Franken
Werner_Vontobel - 19. Dez, 16:24
Die NZZ vom Samstag weiss, was für Deutschland gut ist. Mit "mehr Ungleichheit" oder genauer, mit tieferen Löhnen, gekoppelt mit staatlichen Zuschüssen, könne die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpft werden. Dem ganzseitigen Plädoyer liegen zwei Beweisstücke bei: Eine Graphik und ein Bild. Die Graphik zeigt, dass über 20 Prozent ungelernten Arbeitnehmer arbeitslos sind, gegenüber rund 7 Prozent bei den Qualifizierten. Schlechte Ware, die zu teuer angeboten wird, bleibt am Lager. Deshalb müsse der Lohn der Unqualifizierten auf ein Niveau herabgesetzt werden, das ihrer Produktivität entspricht. Zu diesem Zweck müsse das Arbeitslosengeld unter 650 Euro gesenkt werden. Die Differenz zum Existenzminimum könne man dann mit Subventionen ausgleichen.
So weit, so gut. Reine Marktlogik. Doch was genau sollen denn, Unqualifizierten tun? Was entspricht ihrer Produktivität? Gute Frage. Sie ist dem Autor offenbar nicht in den Sinn gekommen, dafür aber dem Umbruchredaktor. Ihm verdanken wir das Beweisstück Nummer 2, das Bild. Es zeigt sieben uniformierte "Niedriglohnarbeiter beim Spargelstechen in Bliedersdorf". Doch was genau beweist das Bild? Dass Deutschland den Entwicklungsländern Konkurrenz machen soll? Dass es immer möglich ist, Arbeitslose irgendwie zu beschäftigen?
Gemessen an den globalen Spargelpreisen dürfte die Produktivität dieser sieben Männer etwa bei einem Euro liegen. Der Chauffeur, der sie zur Arbeit karrt, kassiert das Zehnfache. Es sei denn man stelle einen 1-Euro-Chauffeur ein. Der Arzt, der später ihre kaputten Rücken flicken wird, kassiert das 100-fache. Doch halt, lohnt es sich, für 100 Euro pro Stunde, an Arbeitskräften herum zu doktern, die nur einen Euro pro Stunde bringen? Oder muss Deutschland demnächst für seine Niedriglohnarbeiter Billigärzte aus Uganda einfliegen lassen? Oder muss umgekehrt ganz Deutschland nach Uganda auswandern? Und warum kann man die 1-Euro-Jobber nicht so ausbilden, dass sie ihre Produktivität auf 10, 20 oder 30 Euro pro Stunde erhöhen?
Vielleicht sollte die NZZ den ganzen Fall neu aufrollen und dabei auch in Betracht ziehen, dass der Täter in Wirklichkeit das Opfer sein könnte. Vielleicht sind die Unqualifizierten einfach deshalb arbeitslos, weil es zu wenig Arbeit gibt, udn weil es die schwächsten immer zuerst trifft, und nicht weil sie die Frechheit haben, anständige Löhne zu verlangen.
Werner_Vontobel - 17. Dez, 21:10
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