Lohndruck

Armutgewöhnungszulage

Der Aufschwung, so heisst es, beginne im Kopf. Für die Schweiz mag das zutreffen. Der Konsum nimmt wieder zu, obwohl sich in den Lohntüten bisher wenig bewegt hat. Offenbar hat der Optimismus gesiegt.

In Deutschland hingegen findet der Aufschwung bestenfalls an der Börse und in den Bilanzen der Grossunternehmen statt. In den Köpfen hingegen herrscht Abschwung. Deutschland ist total auf Niedergang programmiert. Das zeigt sich insbesondere im veränderten Sprachgebrauch. So sind etwa die Zeiten, in denen es bei den Tarifverhandlungen um ein paar Prozent mehr oder weniger Reallohnerhöhung ging, endgültig vorbei. Jetzt geht es darum, ob das Ergebnis der Verhandlungen "zumutbar" sei. Und als "zumutbar gilt eine halbe Stunde mehr Arbeit bei gleichen Lohn. Das entspricht unter dem Strich einer Reallohnkürzung um 3 Prozent.

Ins gleiche Kapitel des Niedergangs im Kopf gehört die "Meistbegünstigungsklausel". Das tönt nach "viel" und nach "günstig". Gemeint ist aber, dass alle Gemeinden ihre Beamten und Angestellten länger arbeiten lassen dürfen, sobald das entsprechende Bundesland längere Arbeitszeiten ausgehandelt. Die Abwärtsspirale wird zum Gesetz erhoben.

Und natürlich gibt es in Deutschland auch jede Mengen von halbintellektuellen Eierköpfen, die Licht am Ende der Abwärtsspirale zu erblicken glauben. So weiss etwa die "Financial Times Deutschland" von "Ökonomen" zu berichten, die allen Ernstes vorschlagen, man solle das Arbeitslosengeld II (von bisher 345 Euro pro Monat) zu senken, um so den Arbeitsanreiz zu erhöhen.

Ein kleiner Trost bleibt immerhin. Deutschland sehnt sich zwar nach Niedergang, aber man will sich immerhin noch ein Vorhölle gönnen. Deshalb gibt es zwischen dem Arbeitslosengeld I und dem Arbeitslosengeld II noch zwei Jahre lang die sogenannte "Armutgewöhnungszulage". Jetzt wollen einige Ökonomen allerdings auch die abschaffen.

Bonus-Frust

Allein die UBS hat dieses Jahr für rund 10 Milliarden Franken Boni verteilt. Mancher Durchschnittsbürger verdient in einem ganzen Jahr weniger als selbst ein durchschnittlicher Bankangestellter als Bonus einstreicht. Muss man deswegen neidisch werden?

Nein, man muss nicht. Vielmehr ist je nach Stimmungslage Schadenfreude oder Mitgefühl angebracht. Eine Umfrage des Schweizerischen Bankpersonalverbandes bei 2000 Bankangestellten zeigt nämlich, dass Bänkler selbst das erste Opfer des Neides sind. Fast alle sind mit ihrem Bonus unzufrieden: 41 Prozent weil ihre Leistung zu wenig anerkannt worden sei, 16 Prozent weil die Kollegen mehr Bonus erhalten haben, 15 Prozent weil sie ganz allgemein mehr erwartet hätten und 8 Prozent, weil das ganze Bonussystem intransparent und willkürlich sei.

Das Ergebnis ist nicht überraschend. Motivationsforscher wissen längst, dass materielle Anreize nicht zu mehr Leistung, sondern bloss zu einer gereizten Stimmung führen. Studien zeigen, dass Fussballmannschaften umso schlechter spielen, je grösser die Einkommensunterschiede innerhalb des Teams sind. Doch während Fussballer ihren Frust aktiv am Gegner auslassen können, fressen ihn die Bankangestellten still in sich hinein. Deswegen sind sie auch weit überdurchschnittlich oft von Burnouts, Medikamentenmissbrauch und Depressionen betroffen.

Wie viel Bonus braucht es, um dieses Leid auszugleichen? Einige Bänkler konsumieren wie wild, um aus diesem Teufelskreis als Sieger hervorzugehen. Darüber freut sich beispielsweise der Zürcher Juwelier. Franz Türler. Er profitiert davon, dass die Bonus-Bänkler zu ihren Maseratis und Ferraris auch noch teure Uhren der gleichen Marke brauchen. Welch ein Partygag, wenn die Uhr noch teurer ist als das teure Auto! Andere Bänkler horten ihr Geld und versuchen, sich darüber zu freuen, dass sie mehr haben als die andern. Leider stossen sie dabei immer auf einen, der noch mehr hat.

Der Neid hat sie wieder.

Mit der Brechstange

Es gibt nur wenige Industrien, in denen die Produktivität so schnell steigt, wie im Automobilbau. Chrysler etwa hat allein für die vergangenen drei Jahre die Produktivität um 19 Prozent gesteigert. Knapp 19 Arbeitsstunden reichen heute, um ein Fahrzeug zu montieren. Die Arbeitnehmer von General Motors schaffenes sogar in 16 Stunden.

Bei diesem Tempo halten die Konsumenten natürlich nicht mit, zumal die Strassen ohnehin schon verstopft sind. Vor diesen Hintergrund ist es nicht zu vermeiden, dass in der Automobilindustrie Stellen abgebaut werden. Doch wie dies geschieht, ist nicht nur widerlich, sondern auch wirtschaftsfeindlich.

"Ford Sparplan begeistert Anleger», titelte die Financial Times Deutschland diese Woche. Und die Unterzeile fasste das Wichtigste kurz zusammen: US-Autokonzern schliesst 14 Werke - bis zu 30’000 Jobs fallen weg - Kurs steigt um 9 Prozent.» Des einen Leid, ist offenbar des andern Schadenfreud.

Einen Tag kündigte dann Daimler den Abbau von 6000 Verwaltungsstellen an. Daimler-Boss Dieter Zetsche liess sich zu dieser Gelegenheit mit einer Brechstange vor einem Mercedes-Stern ablichten. Die Börse bedankte sich mit einem Plus von 3,8 Prozent. Von Begeisterung war diesmal aber nicht die Rede. Die Shareholder trauen "ihrem" Dieter nicht ganz über den Weg. Sie argwöhnen, dass die 6000 Stellen in dem bereits angekündigten Abbau von 16'000 Stellen schonn inbegriffen seien. Feigling!

Doch viel schlimmer als der Stellenabbau ist der Lohndruck. Lohnsenkungen von 10 bis 20 Prozent sind in der Tagesordnung. Delphi, der grösste Zulieferer für die Autoindustrie der USA will seinen Angestellten nur noch 9.50 Dollar zahlen. Vor zwei Jahren lagen die Lohnkosten pro Stunde noch bei 28 Dollar.

Die Shareholder und deren Handlanger in den Direktionsetagen nützen offenbar die Not der Arbeitnehmer gnadenlos aus - am liebsten mit der Brechstange. Dass sie damit auch ihre eigenen Absatzmärkte - und die vieler anderer Branchen - kaputt machen, hat auf das nächste Quartalsergebnis keinen Einfluss, und auf ihren Bonus schon gar nicht.

Dabei gäbe es gerade in der Automobilindustrie hervorragende Beispiele für einen verantwortungsbewussten Kapitalismus. Henry Ford hat zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Löhne seiner Arbeiter auf (den damals sensationellen) Wert von 1 Dollar erhöht und die Arbeitszeit auf (ebenfalls sensationelle) 8 Stunden pro Tag gekürzt. Er wusste, dass Kaufkraft und Freizeit die wichtigste Grundlage der Industrialisierung sind.

Doch Henry Ford hatte eben noch keine Börse im Rücken und keine Shareholder am Hals.

Für dumm verkauft

Der ehemalige Gewerkschaftssekretär Beat Kappeler predigt immer dieselbe frohe Botschaft: Alles Gute kommt vom Markt, und was nicht gut ist, wird durch mehr Markt besser. Mit diesem Ansatz trifft der Kollege von der "NZZ am Sonntag" manchmal auch ins Schwarze, doch zuweilen muss er - um seine heile Markt-Welt zu retten - die Fakten strapazieren und seine Leserschaft für dumm verkaufen.

Zum Beispiel wenn er versucht, die tiefen realen Lohnsteigerungen schön zu reden: Kappeler: "Die gute Seite daran: Die Kaufkraft steigt auf anderen Wegen dennoch." (NZZ am Sonntag, 8. Januar 2006, Seite 27 "Sinkende Preise statt höhere Saläre.")

Kappeler bemüht im Wesentlichen drei Argumente: Erstens: "Die Löhne sind nicht alles." Nebst den Löhnen würden auch noch Boni und Gewinnbeteiligungen bezahlt. Und "da diese Branchen mehr Leute einstellen, wächst das Arbeitnehmereinkommen im Lande insgesamt rascher als die Prozentzunahme. Diese Dynamik wird unterschätzt."

Wirklich? Kappeler nennt wohlweislich keine Zahlen. Die zeigen nämlich das Gegenteil: Der Reallohnindex weist für die Jahre 2003 und 2004 leichte Zunahmen von 0,8 und 0,1 Prozent aus. Das Arbeitnehmerentgelt gemäss der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist jedoch in denselben Jahren um 0,4 und 0,2 Prozent gesunken. Da dieser Rückgang trotz der stark gestiegenen Boni und Managersalären zustande gekommen ist, kann man davon ausgehen, dass die Lohnsumme der Normalverdiener umso deutlicher abgenommen hat.

Unterschätzt wird laut Kappeler "auch eine andere Steigerung nämlich jene der Lohnsteigerung über das ganze Arbeitsleben hinweg." Ja und? Dass junge Berufseinsteiger weniger verdienen als Profis auf der Höhe ihrer Schaffenskraft ist nicht neu. Neu ist nur, dass die Löhne der über 50jährigen neuerdings eher sinken und dass die Jungen zu immer schlechteren Bedingungen einsteigen müssen. Dass Kappeler die "Abschläge für Einsteiger und Praktikanten" als Beleg für Lohnsteigerungen über das Arbeitsleben hinweg wertet, ist rein theoretisch nicht ganz falsch: Je tiefer der Anfangslohn, desto höher die Steigerungsrate. Doch was soll das? Für wie dumm hält Kappeler seine Leser eigentlich?

Drittens schliesslich weist Kappeler auf den Wettbewerbsvorteil hin, der sich aus der Globalisierung ergibt. Richtig: Die Schweiz hat in den letzten Jahren in hohem Masse von den sinkenden Importpreisen profitiert. Doch offensichtlich hat sich dieser Vorteil nur auf die Gewinne, nicht aber auf die Löhne ausgewirkt. In diesem Sinne ist der Gewinn aus der Globalisierung nicht etwa ein Trostpflaster für die Arbeitnehmer, wie uns Kappeler weismachen will, sondern ein weiteres Ärgernis.

Irgendwann wird auch Kappeler wieder ins Schwarze treffen. Der Markt hat schliesslich auch seine guten Seiten, nur nicht immer und nicht immer für alle.

U.W.w.g. (Um Widerspruch wird gebeten)

Einmalige Zulage

Wenn es darum geht, die Konjunktur kaputt zu machen, ist uns Deutschland immer zwei Schritte voraus.

Doch wir holen auf.

Donnerstagabend auf den deutschen TV-Kanälen. Wir begleiten eine 1-Euro-Job-Inspektorin auf ihrem Kontrollgang. Fast jeder Einsatz ist missbräuchlich. Ein arbeitsloser Installateur, zum Wegräumen von Laub abkommandiert, repariert nebenbei noch eine Heizungsanlage. Normalerweise kostet diese Arbeit 20 Euro. Eine Gemeinde lässt sich eine Freizeitanlage von 1-Euro-Jobbern (darunter gelernte Maurer) bauen. Die Arbeit sei "zusätzlich", weil es pressiert, und weil kein Bauunternehmen so kurzfristig einspringen konnte, lügt der Gemeindepräsident. Er hat mildernde Umstände. Deutschlands Kommunen haben kein Geld.

Wie wehren sich die Bauunternehmen gegen diese staatlich subventionierte Schmutzkonkurrenz? Der ARD-Report, zwei Zapps weiter, gibt zufällig die Antwort. Ein grösseres Bauunternehmen nötigt seine über 100 Angestellten, sich scheinselbständig zu machen und beim Arbeitsamt 10'000 Euro Starthilfe zu beziehen. "Das ist Ihre Chance, Sie haben netto mehr in der Tüte." Dafür gibt es im Krankheitsfall keinen Lohn, im Alter keine Rente, keinen Kündigungsschutz nichts. Ein Vertreter der Bundesagentur für Arbeit: "Wir können nicht allen Fällen nachgehen, aber wenn Sie uns einen konkreten Missbrauch melden, überprüfen wir das und wenn die Sache tatsächlich faul ist, verlangen wir das Geld zurück." Bingo: Der geprellte Arbeitnehmer verliert seinen Trostpreis, doch der Arbeitgeber kommt ungeschoren davon. Von einer Strafanzeige wegen Versicherungsbetrug war nicht die Rede.

Die Lohnspirale dreht sich nach unten, und der Staat dreht zuerst.

Aber in der Schweiz wäre das nicht möglich. So dumm sind unsere Politiker nicht. Doch. Am Freitag meldet das Eidgenössischen Personalamt, dass das Bundespersonal "im März 2006 anstelle des Teuerungsausgleichs eine einmalige unversicherte Zulage von 1,9 Prozent auf dem Bruttojahreslohn" erhält. Damit sollen 50 Millionen Franken eingespart werden. Diese Meldungen ist den Medien noch nicht einmal eine kurze Notiz wert.

Dabei baut hier - anders als in Deutschland - der Staat, und nicht bloss ein windiger Unternehmer, den Sozialstaat ab. Zwar unterliegen immerhin noch 98,1 Prozent der Lohnsumme den üblichen Sozialabzügen, aber der Zug fährt in die falsche Richtung. Das Zeichen ist gesetzt. Wenn schon der Staat auf den Sozialstaat pfeift, was kann man dann von einem mittelständischen Kleinunternehmer erwarten, der wirklich sparen muss?

Doch es ist noch schlimmer: Die 1,9 Prozent sind nicht nur "unversichert", sie sind vor allem auch "einmalig". Das Bundespersonal erhält keine Lohnerhöhung, wie gering auch immer, sondern bloss eine "einmalige Zulage". Das ist ein riesiger Unterschied. Wenn die einmalige Zulage nächstes Jahr auf 2,5 Prozent steigt, und dann wieder auf 1,9 Prozent sinkt, und das 30 Jahre so weiter geht, dann ist der Lohn in 30 Jahren noch genau gleich hoch wie heute, und wenn man die Teuerung wegrechnet, fallen mindestens 3 Monatslöhne weg. Einmalige Zulagen fangen immer wieder bei Null an. Sie begründen keine Hoffnung auf ein real steigendes Einkommen.

Und das ist für die Wirtschaft tödlich. Dank dem Wettbewerb und dem technischen Fortschritt kann die jährliche Produktion um mindestens 2 Prozent steigen. Die USA haben bewiesen, dass es auch 3 bis 4 Prozent sein können. Doch wenn der Konsum nicht auch im gleichen Ausmass steigt, dann verwandelt sich der technische Fortschritt bloss in Arbeitslosigkeit. Doch damit den Konsum zunimmt, reicht es nicht, dass die Reallöhne irgendwie Schritt halten. Noch wichtiger ist, dass die Arbeitnehmer und Konsumenten daran glauben können, dass ihre Kaufkraft zunimmt.

Wer diesen Glauben zerstört, macht die Wirtschaft kaputt. Und das ist ein stolzer Preis für eine Ersparnis von läppischen 50 Millionen Franken.

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Zuletzt aktualisiert: 21. Okt, 18:16

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