Kapitalmarkt

Die Eierköpfe aus Frankfurt



Das Führungsorgan (Executive Board) der Europäischen Zentralbank in Frankfurt setzt sich aus sechs Mitgliedern zusammen. Die sechs sind zwar unterschiedlich alt - zwischen 46 und 64 - und eine davon ist sogar eine Frau, doch alle sechs haben denselben Lebenslauf: Von der Universität direkt in den Staatsdienst, entweder im Finanzdepartement oder bei der Zentralbank. Keiner von ihnen hat je um seinen Job, um ihren Lohn oder um den unternehmerischen Gewinn gebangt.

Die sechs leben in einer Welt der Zahlen. Ihre besondere Fähigkeit besteht darin, hunderte von Zahlenreihen darauf abzuklopfen, ob irgendeine Konstellation erkennbar ist, die auf kommende Inflationsgefahren hinweist. Sie tun das nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil die Europäische Zentralbank nur diese eine Aufgabe hat, uns vor der Inflation - definiert als jährliche Steigerung des Preisniveau um 2 Prozent und mehr - zu bewahren.

Diese Woche haben die sechs von der EZB wieder zugeschlagen und die die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöht. Begründung: Die Inflationsrate ist auf 2,5 Prozent gestiegen, die Geldmenge M3 sogar um 8,6 Prozent. Die EZB glaubt immer noch an den Einfluss der Geldmenge auf die Teuerungsrate. Andere Zentralbanken, etwa die der USA oder der Schweiz haben diese Theorie längst über Bord geworfen. Andere Zentralbanken, etwa die der USA, machen auch einen Unterschied zwischen den Preisen mit und ohne Rohstoffe. Es macht wenig Sinn, Preiserhöhungen die durch steigende Ölpreise ausgelöst worden sind, durch höhere Zinsen zu bekämpfen. Die EZB hat es bisher nicht geschafft, einen um die Rohstoffpreise bereinigten Preisindex zu berechnen.

Wie immer hat die EZB ihren Entscheid auch damit begründet, dass die Löhne in Zukunft steigen könnten. Das ist eine mutige Annahme, denn die Löhne sind nämlich weltweit stark unter Druck. Sie liegen etwa in Deutschland seit Jahren weit hinter den Produktivitätssteigerungen zurück. In den USA sind die realen Stundenlöhne seit 2002 praktisch unverändert, obwohl die Produktivität um mehr als 15 Prozent gestiegen ist. Für den EU-Raum sind solche Zahlen nicht verfügbar. Wahrscheinlich deshalb, weil die EZB lieber mit vagen Vermutungen hantiert.

Dabei liegt doch ein ganz anderer Zusammenhang zumidest hoch wahrscheinlich: Je tiefer die Löhne, desto höher die Gewinne und weil die Unternehmen dieses Geld via Banken wieder in Umlauf bringen wollen, nimmt die Geldmenge zu. Wenn das so ist, wäre es absolut kontraproduktiv, via Zinserhöhungen die Konjunktur zu dämpfen und damit Lohnerhöhungen im Keime zu ersticken. Genau dies tut die EZB.

Die sechs Eierköpfe aus Frankfurt vernichten mit dieser Politik zwar Hunderttausende von Jobs. Aber sie sichern ihre eigenen. Denn wenn die Inflation nicht von der Geldmenge kommt, wenn sie nicht mit Zinserhöhungen bekämpft werden kann, und wenn sie vermutlich auch gar nicht so wichtig ist, dann braucht die EZB einen neuen Auftrag und neue Köpfe.

Made in Hongkong

Franz Hohler hat es schon vor Jahren kommen sehen: Made in Hongkong. Jetzt ist in China wirklich der Wurm drin: Die Bank of China hat diese Woche 10 Prozent ihrer Aktien auf den globalen Kapitalmarkt geworfen, und dafür rund 12 Milliarden Dollar kassiert. Das dürfte sich als extrem schlechter Deal erweisen.

Zum einen braucht China braucht das Geld wirklich nicht. Das Land schwimmt ohnehin in einem Meer von Dollar-Reserven. Vor allem aber könnte der Börsengang Chinas Wachstumsmotor abwürgen.

Milliarden-Investitionen kommen nämlich selten allein und sie kommen immer erst hinterher. Voraus kommt eine Vorhut von Analysten und Risikomanagern. Sie wissen genau, wie börsenkotierte Unternehmen zu funktionieren haben, damit es sich lohnt, in sie zu investieren.

Bei den Banken etwa spielt die NPL-Quote eine entscheidende Rolle. Vereinfacht gesagt, handelt es sich dabei um das Verhältnis der faulen Kredite (Non performing loans) zu allen Ausleihungen. Und mit dem Einzug der Analysten hat in China eine öffentliche Diskussion darüber begonnen, ob die NPL-Quote der chinesischen Banken im Allgemeinen und der BOC im Besonderen "tragbar" sei.

Der Stand der Diskussion ist der: Insgesamt ist China NPL-Quote viel zu hoch. Aus Rücksicht auf die Empfindlichkeit der Chinesen hat man sich deshalb darauf verständigt, nur die NPL-Quote der seit 2003 neu gewährten Kredite zu messen. Diese wurde von der chinesischen Bankenaufsichtsbehörde auf 1 bis 2 Prozent heruntergerechnet. Auch diese Zahl ist nach westlichen Massstäben noch sehr hoch, doch die Rating Agentur Fitch drückt ein halbes Auge zu: Die umgerechnet 220 Milliarden Dollar faulen Kredite seien unter normalen Umständen nicht dramatisch, aber sobald sich das Wirtschaftswachstum verlangsame, sei das chinesischen Bankensystem "extrem verwundbar".

Das ist genau der Punkt. Westliche Ökonomen fragen sich, ob ein Abschwung das Kreditsystem gefährden könne. Kredite müssen so sicher sein, dass sie auch im Falle einer Rezession bedient werden können. Die Chinesische Optik war bisher anders: Sie fragten sich, wie viel Kredit die Wirtschaft braucht, damit sie auf Hochtouren läuft. Das Risiko für das Bankensystem konnte dabei vernachlässigt werden, weil die Banken ohnehin dem Staat gehören.

Vereinfacht gesagt: Das Kreditsystem des Westens ist auf Rezession kalibriert, das von China auf Wachstum. Das schlägt sich auch in den unterschiedlichen langfristigen Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts nieder: 9 Prozent in China, 2 Prozent in Europa.

Und die USA, warum haben die deutlich höhere Wachstumsraten? Ganz einfach: Die USA haben ein halbstaatliches, stark subventioniertes Hypokredit-System. Und das Wachstum der USA wird vor allem vom privaten Konsum getrieben und dieser wiederum vom massiven Anstieg der Hypokredite.

Mit andern Worten: Die Wirtschaft der USA wächst, weil dort chinesische Zustände herrschen. Und in China ist vielleicht bald der Wurm drin, wenn dort amerikanische Sitten einziehen.

Xagga-Blues

Kennen sie den XAGGA VON C 12/06 (XAGGA/CH0024142843)? Nein? Hilft es, wenn ich sage, dass er noch bis zum 22. Dezember 12 Uhr läuft? Dass er von der Bank Vontobel ins Leben gerufen worden ist? Dass es davon 50 Millionen gibt, und dass "je 4 davon zum Erhalt des inneren Wertes des Warrants, basierend auf dem London Silver Fixing am 22. Dezember 2006, umgerechnet in die Handelswährung, berechtigen", Barauszahlung Valuta 5 Tage, Mindestausübung: 1000 Warrants?

Verstehen Sie weiterhin nur Bahnhof? Gut, dann will ich nachhelfen: Besagter XAGGA ist eine von 467 Wetten, die man an der Schweizer Börse auf die weitere Entwicklung des Silberpreises abschliessen kann. Wer lieber auf die ABB wettet, dem stehen 281 verschiedene Derivate und strukturierte Produkte zur Verfügung und insgesamt haben die Spieler zurzeit die Wahl zwischen 7908 Produkten. Allein die Bank Vontobel erfindet pro Arbeitswochen rund 100 neue Wetten. Zum Beispiel kann man darauf setzen, ob und wie die Vogelgrippe die Börse beeinflusst.

Was soll das Ganze? Für die Börsenzeitung Finanz und Wirtschaft ist die Sache klar. Das Derivategeschäft beschert ihr pro Woche gut 20 bezahlte Inserateseiten. Deshalb hat der zuständige Ressortleiter, Peter Kuster, kürzlich ein Loblied auf die Derivate gesungen. Ihnen sei es zu verdanken, dass "das Finanzsystem in den letzten Jahren mehrere Schocks im Kern unbeschadet überwunden" habe. Richtig eingesetzt seien die Derivate das Instrument, mit denen Risiken passgenau zu denen transferiert werden, die sie zu tragen vermögen.

Das ist natürlich Humbug. Wer Aktien kauft, will das Risiko - und die damit verbundenen Gewinnchancen. Und auch Derivate verhindern nicht, dass die Risiken der Finanzmärkte in der Regel an denen hängen bleiben, die sie am wenigsten tragen können. Beispielsweise bei den Arbeitern in den Silberminen. Für sie ist es ein schwacher Trost, dass das Finanzsystem selbst an den von ihm ausgelösten Schocks bisher nicht zugrunde gegangen ist.

Ganz im Gegenteil. Der Kapitalmarkt lebt: Allein in Deutschland, so Kuster, habe die Derivate-Branche 2000 Jobs geschaffen und eine Milliarde Euro Steuern bezahlt. Wow! Das sind umgerechnet 750'000 Franken Steuern pro Beschäftigten und folglich mindestens 2 Millionen Franken Reingewinn. Dazu kommt wohl noch ein nicht geringer Lohn und - als klitzekleiner Nebenposten - die Kosten für die Inserate in der Finanz und Wirtschaft.

Irgendjemand muss das bezahlen: Und dieser jemand ist der Anleger, wer denn sonst? Doch Mitleid wäre fehl am Platz: Die Anleger hätten es wissen müssen. Es stand in der FuW - sofern man zwischen den Zeilen lesen kann.
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Zuletzt aktualisiert: 21. Okt, 18:16

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