Globalisierung

Argumente? Mythen?


"Wirtschaftspoltische Mythen, Argumente zur Versachlichung der Debatte" heisst das neueste Buch der Avenir Suisse. Das ist schon mal gut: Die liberale Denkfabrik will die wirtschaftspolitische Debatte führen. Sie anerkennt damit zumindest die Wichtigkeit der politischen Auseinandersetzung und vielleicht sogar das Primat der Politik. Wer Wirtschaftspolitik ernst nimmt, will die Märkte politisch gestalten.

Die Avenir Suisse sieht sich dabei in die Defensive gedrängt: "In den letzten 30 Jahren haben es die Kritiker der freien Marktwirtschaft verstanden, die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger von ihrer Meinung zu überzeugen." Doch das, so meinen die Autoren, liege nicht daran, dass ihre Wertvorstellungen und Rezepte nicht mehrheitsfähig seien. Sie glauben vielmehr, dass die Mehrheit bloss schlecht informiert sei: "Faktenbasierte Diskussionen über Wirtschaftspolitik haben einen schweren Stand."

Der Vorwurf ist berechtigt. Die Kritik an der freien Marktwirtschaft und insbesondere an der Globalisierung ist oft reich an Emotionen und arm an Fakten. Doch dieser Mangel haftet auch auf der Streitschrift der Avenir Suisse an. Nur im Kapitel über das "Vorbild Schweden" wird sachbezogen und faktenreich diskutiert. Die Schlussfolgerung - "Der Erfolg der nordischen Länder beruht auch auf nachhaltigen Reformen" - wird zwar nicht wirklich bewiesen, aber gut begründet. Darüber kann man sich ernsthaft streiten.

Sonst besticht das Büchlein allerdings vor allem durch eine Anhäufung von nicht nachprüfbaren Behauptungen und falschen Unterstellungen. Das Kapitel über die Löhne ist dafür ein typisches Beispiel. Hier schicken sich die Autoren an, das "Baron von Münchhausen Prinzip" zu widerlegen, wonach man bloss die Löhne um 20 bis 30 Prozent zu erhöhen brauche, "und schon kommen wir aus dem Schlammassel der Arbeitslosigkeit heraus." Doch das hat so noch niemand behauptet. Kein seriöser Ökonom - ob links oder rechts - glaubt, dass man mit dem Tempo der Lohnsteigerungen das Tempo des Wachstums vorgeben, und die Wirtschaft am Schopf der eigenen Nachfrage aus dem Sumpf ziehen könne.

Bei der Forderung nach höheren Löhnen geht es bloss darum, dass die Löhne mit der Produktivität Schritt halten sollen, was zumindest in Deutschland seit bald 20 Jahren nicht mehr der Fall ist. In der Schweiz ist die Faktenlage etwas weniger eindeutig. Tatsache ist aber, dass auch die Arbeitnehmer in der Schweiz nicht mehr damit rechnen können, dass ihre Löhne der Teuerung, geschweige denn der Entwicklung der Produktivität angepasst werden.

Die konkrete Frage ist nun, ob eine Situation, in welcher die Gewinne stark steigen, die Löhne generell unter Druck geraten und die Lohnaussichten unsicher geworden sind, zu Arbeitslosigkeit führen kann. Diese These ist zumindest plausibel. Um sie zu widerlegen, müsste man erst einmal die Fakten diskutieren. Gibt es eine Lohnlücke? Wenn ja, wie wirkt sie sich aus? Kompensiert das Wachstum der Exporte den, durch den tieferen Lohn bewirkten Rückgang der einheimischen Nachfrage usw. Doch diese "faktenbasierte Diskussion" findet nicht statt. Auf den neun Seiten, die dieser komplexen Frage gewidmet sind, findet sich genau zwei konkrete Zahlen. Doch diese betreffen nicht die Löhne, um die es eigentlich geht, sondern ein staatliches Investitionsprogramm, das sich irgendwie in dieses Kapitel verirrt hat.

Noch seltsamer ist das Kapitel über die Umverteilung. Es soll folgende "Realität" bewiesen werden: "Masslose staatliche Umverteilung verbessert die Einkommensverteilung nicht, ist nicht nachhaltig und schwächt die Produktivität." Wohlan. Wie masslos ist die Umverteilung in der Schweiz genau? Funkstille. Das einzige, was wir dazu erfahren ist, dass "der stärkste generelle Umverteilungseffekt" von der AHV ausgeht. Will die Avenir Suisse die AHV abschaffen? Wie sieht die Einkommensverteilung der Schweiz aus? Funkstille. Warum schwächt die Umverteilung die Produktivität? Gibt es dazu Studien, Belege? Funkstille.

Stattdessen erschrickt man uns mit den Prophezeiungen eines schottischen Historikers aus dem 18. Jahrhundert, wonach die Demokratie zugrunde gehen müsse, sobald "die Stimmberechtigten erkennen, dass sie sich dank ihres Stimmrechts grosszügig aus der Staatskasse bedienen können." Und weil bisher offenbar weder das eine noch das andere geschehen ist, wird das jüngste Gericht zwei Seiten später noch ein wenig hinausgezögert: "Ein reicher Staat kann sich ökonomisches Fehlverhalten zwar länger leisten als der arme, er wird später aber umso härter getroffen." Merke: Wer "Neid schürt" (der Ausdruck kommt im Buch mehrmals vor) wird im Fegefeuer schmoren.

Vollends unklar bleibt auch, was der Kasten über die Hartz IV-Reform in Deutschland im Kapitel über die Umverteilung zu suchen hat. Mit Hartz IV sollte das Arbeitslosengeld massiv gekürzt und damit der deutschen Arbeitsmarkt "flexibilisiert" werden - ein Schwerpunkt der neoliberalen Reform-Agenda. Mit massloser staatlicher Umverteilung hat Hartz IV nichts zu tun.

Das Buch versteht sich als Antwort auf "moralisch aufgeladene Polemiken" wie namentlich "Der Irrsinn der Reformen". Zu diesem Zweck habe die Avenir Suisse eine Reihe von Persönlichkeiten und Ökonomen wie Ernst Baltensberger, Silvio Borner, Reiner Eichenberger, Beat Kappeler und Thomas Straubhaar versammelt, um "diesen Mythen ökonomisch stichhaltige Argumente entgegen zu setzen." Was dabei herausgekommen ist, kann man - in Anlehnung an das berühmt-berüchtigte "Weissbuch" von 1995 als "Schwarzbuch über den Zustand der etablierten Ökonomie in der Schweiz" bezeichnen.

Jürg de Spindler und Kurt Schiltknecht: Wirtschaftspolitische Mythen, Argumente zur Versachlichung der Debatte. Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2006.

Philipp Löpfe und Werner Vontobel: Der Irrsinn der Reformen: Warum mehr Wettbewerb und weniger Staat zu Wohlstand führen. Orell Füssli Verlag 2005

Rück- und Fortschritt

Jetzt beginnt sogar die "alte Tante" an den Segnungen des Produktivitätsfortschritts und des Wettbewerbs zu zweifeln.

Die Meldung, dass in den USA die Lohnsumme zwischen 2001 und 2004 real um 6,2 Prozent gesunken sind, obwohl die Produktivität (der Output pro Arbeitsstunde) im selben Zeitraum um 11,6 Prozent gestiegen ist, war für die NZZ Anlass zu folgenden Kommentar: "Bis die Experten eine bessere Erklärung haben, müssen sie sich wohl damit abfinden, dass die Theorie, wonach verbesserte Produktivität immer auch der Schlüssel zu einem besseren Lebensstandard ist, nicht in jedem Fall zutrifft."

Diese Erkenntnis ist leider nicht neu. Die jüngste Entwicklung der Löhne in den USA (übrigens auch in Deutschland und in der Schweiz von 2002 bis 2004) ist zudem noch ein relativ milder Fall von rückschreitendem Fortschritt. Die Anfänge der Industrialisierung waren in dieser Hinsicht viel schlimmer, damals führte der technische Fortschritt von der Idylle direkt in die Hölle:

"Englische Weber beispielsweise hatten ihre Webstühle zu Hause und arbeiteten mit der ganzen Familie nach einem selbst auferlegten Plan. Sie setzten sich ihre eigenen Produktionsziele und änderten sie entsprechend ab. Wenn das Wetter schön war, hörten sie mit dem Weben auf, um im Obst- oder Gemüsegarten zu arbeiten. Wenn ihnen danach zu mute war, sangen sie ein paar Balladen, und wenn ein Stück Tuch fertig war, feierten sie es mit einem Umtrunk."*

Dann kam, Mitte des 18 Jahrhunderts, der Fortschritt in der Gestalt des maschinell betriebenen Webstuhls. Mit ihm kamen ein zentralisiertes Fabriksystems, starre Arbeitszeiten, Kinderarbeit, Slums in den Grossstädten, Seuchen, Elend und früher Tod.

Was damals noch fehlte, waren Statistiken, die es ermöglicht hätten, den Rückgang der realen Lohneinkommen auf die Kommastelle genau zu beziffern. Doch die Qualität ist ohnehin wichtiger als die Qualität. Was die Gegenüberstellung der Lebensverhältnisse vor und nach dem mechanischen Webstuhl zeigt, ist vor allem der dramatische Zerfall der Lebens- und Arbeitsqualität - die übrigens auch heute eher zu- als abnimmt.

Wie kommt es, dass eine Erfindung (modern: ein Produktivitätsfortschritt), die uns das Leben eigentlich leichter machen sollte, in einem derartigen Desaster endet? Vielleicht daher, dass wir dazu - wie die NZZ - die falschen Experten befragen. Die Ökonomen neigen nämlich dazu, Dinge zu messen, auf die es niemandem wirklich ankommt, das Bruttoinlandprodukt BIP zum Beispiel. Dem BIP geht es in den USA (und ging es mutmasslich auch damals in England) sehr gut. Mit Lebensqualität hingegen können die Ökonomen nichts anfangen. Arbeit ist für sie das, was dabei herauskommt, ob einem dabei noch zum Singen zumute ist, spielt für den Ökonomen keine Rolle.

Die Experten der NZZ kennen zudem nicht den Markt. Macht ist für sie keine Kategorie. Dabei scheint es doch offensichtlich, dass die Löhne in den USA auch deshalb zurückgegangen sind, weil jemand davon profitiert. Technologischer Fortschritt ist an sich gut. Aber er verändert in der Regel auch die sozialen und politischen Machtverhältnisse - und das kann sich für viele sehr nachteilig auswirken.

* Zitiert aus: Flow - das Geheimnis des Glücks von Mihaly Ciskszentmihalyi, Klett-Kotta, 2005.

Der Glaube ans Globale

Mit 5,41 Punkten liegen die USA klar an erster Stelle, gefolgt von Schweden und Kanada. Die Schweiz liegt im Gesamtklassement unter 123 Nationen an neunter Stelle, knapp vor Hong Kong und Irland, aber deutlich vor Deutschland, das nur 3,93 Punkto totalisiert.

Falls irgendjemand interessiert sein sollte: Die Rede ist vom neuen Globalisierungsindex der Konjunkturforschungstelle der ETH Zürich. Der Index destilliert aus jeweils 23 Zahlen pro Land und Jahr (so etwa die Zahl der Botschaften, der Zeitungen pro 1000 Einwohner und der McDonalds-Restaurants pro 100'000 Einwohner) mit einer für Laien unverständlichen Methode eine neue Zahl, - eben den Globalisierungs-Index.

Die Autoren hoffen, dass dieser Index helfen möge, die Frage zu klären, ob Globalisierung für das Wirtschaftswachstum gut sei. Doch erstens ist es wenig wahrscheinlich, dass dieser 7835ste Versuch, Wachstum zu erklären, Erfolg haben wird, und zweitens würde dies nichts nützen.

Mal angenommen, es erhärte sich der Verdacht, dass eine Verbesserung des KOF-Globalierungsindex um x Prozent das Wachstum um y Prozent beflügle, dann sind die Politiker dennoch so klug als wie zuvor: Sollen sie noch ein paar Botschafter eröffnen, oder den Bau von McDonalds subventionieren. Oder soll umgekehrt die Bevölkerung dezimiert werden, damit bei unveränderter McDonalds-Zahl der Quotient von McDonalds und Bevölkerung steigt?

Viel interessanter ist die psychologische Wirkung des KOF-Globalisierungs-Index auf die Bevölkerung und auf die Medien. Seit der Schulzeit sind wir darauf getrimmt, hohe Noten als gut einzustufen, egal wer, was, wie benotet wird. So berichtete etwa die NZZ wie folgt: "Besser schneidet die Schweiz - mit Platz sieben - beim Globalisierungs-Subindex Wirtschaft ab." Und weiter: "Gute Noten erhalten dabei Luxemburg (1), Hongkong, China (2) und Irland (3), während die USA lediglich an 28. Stelle auftauchen." Nächstes Jahr wird die Schweiz wahrscheinlich in kollektiven Jubel ausbrechen, wenn es uns gelingen sollte, Australien und Frankreich, die beide nur 0.05 Punkte vor uns liegen, hinter uns zu lassen und auf Platz 7 vorzustossen. Vielleicht schnappen wir uns auch noch die Österreicher!

Irgendwie muss das für die Wissenschafter frustrierend sein. Da basteln sie mühsam ein neues Instrument, um damit eine wichtige Frage analysieren zu können, und müssen dann feststellen, dass die Laien die Antwort längst wissen: Je globaler, desto Wachstum.

Doch eine Hoffnung bleibt: Vielleicht finden die KOF-Forscher schon bald heraus, dass die Globalisierung - wie auch immer gemessen - das Wirtschaftswachstum überhaupt nicht fördert. Ein hartes Indiz gibt es bereits: Der Schweizer Globalisierungsindex ist nämlich ausgerechnet in den Neunzigerjahren stark gewachsen, dem bisher schwächsten Jahrzehnt seit dem 2. Weltkrieg.

Auf diese Weise wäre immerhin ein tief verankertes Vorurteil widerlegt, und man könnte - KOF sei dank - endlich über die wirklich wichtigen Fragen nachdenken.

Tansania, Tansania

Gestern hat mich Freund Boris wieder mal ins Kino geschleppt. Das Ticket kostet 16 Franken. Davon lebt der Hauptdarsteller zwei Wochen lang. Er bewacht ein Forschungsinstitut. Es geht um Fische. Genaueres weiss er nicht. Aber seinen Job beherrscht er perfekt. Manchmal wartet er bis der Eindringling zu erkennen gibt, worauf er es abgesehen hat. Zum Beispiel auf die Reifen am Transporter. Doch meistens tötet er sie, sobald die den Zaun überwunden haben. Das Gift, erklärt er in gebrochenem Englisch, sei auf der Pfeilspitze angebracht. "Schon ein Streifschuss tötet."



Das Forschungsinstitut gehört zu einer Fischfabrik und die wiederum ist gleichsam der Darmausgang des Victoria-See in Tansania am Oberlauf des Nils. Mit Globalisierung hat dies insofern zu tun, als einst irgendein Fremdling unbekannter Herkunft einen Barsch aussetzte. Inzwischen hat der Barsch alle andern Fische aufgefressen und er vermehr sich so rasant, dass pro Tag etwa 5000 Tonnen Barsch aus dem Victoria-See, herausgefischt, in der Fabrik eines Inders verarbeitet und dann mit russischen Maschinen nach Europa geflogen werden können.

Für die Einheimischen ist der verarbeitete Fisch zu teuer. Deswegen fährt der Lastwagen mit den Abfällen aus der Fischfabrik nicht etwa in eine Verbrennungsanlage, sondern nur ein paar Hundert Meter weit, wo er die stinkende Fracht auf den Boden kippt. Damit alimentiert die Fisch-Fabrik eine Fisch-Abfall-Verarbeitungs-Hölle mit Hunderten von Beschäftigten. Eine von ihnen sagt, wie glücklich sie sei, hier ein Auskommen gefunden zu haben. Erst eine spätere Einstellung zeigt, dass die Fischabfälle, die sie auf dem Kopf balanciert, ihr ein Auge zerstört haben.


Die Alternative wäre nicht besser. Die Frauen, die es an den Victoria See verschlagen hat, sind meist Prostituierte und sterben früh an Aids, wie viele hier. Eine medizinische Versorgung gibt es nicht, doch die Aidskranken kehren nicht deshalb in ihr Heimatdorf zurück, sondern bloss deshalb, weil der Transport einer Leiche für ihre Angehörigen zu teuer wäre.


Aids, eine ökologische Katastrophe, stinkende Fischabfälle. Hat Tansania sonst noch einen Vorteil von der Globalisierung seines Sees? Was ist die Gegenleistung für die Fische, mit denen Tansania uns Europäer füttert? Der Versuch einer Antwort, zieht sich durch den ganzen Film: Die Illuschins kommen nicht leer. Sie bringen Waffen. Fisch gegen Waffen, heisst der globale Deal. Oder: Leben gegen Tod.


"Darwins Nightmare". In Zürich lauft der Film im Riff Raff an der Langstrasse.
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