Modell Schweden?

Schweden hat eine hohes Wirtschaftswachstum, einen hohe Staatsanteil BIP und eine tiefe Arbeitslosenquote. Deshalb ist das Land für die Linke eine rotes Modell - und für die Rechte ein rotes Tuch. Die anstehenden Wahlen waren nun auch für die "Weltwoche" die Gelegenheit, das "Modell-Schweden" zu demontieren.

In der Tat hat Schweden Schwachpunkte. Das hohe Wachstum hat keine zusätzlichen Arbeitsplätze geschaffen, und die Arbeitslosenquote ist nur auf dem Papier tief. Rund 100'000 Menschen sind in staatlichen Programmen scheinbeschäftigt, und 10 Prozent der werktätigen Bevölkerung beziehen eine Invalidenrente und fallen deshalb - obwohl sie nicht arbeiten, aus der Arbeitslosenstatik hinaus.

Alles richtig. Fragt sich warum. Die "Weltwoche" entwickelt die Standard-These, dass der teure Sozialstaat und die starren Tarifverträge die Privatunternehmen daran gehindert hätten, sich voll zu entfalten, und Jobs zu schaffen. "Unter dem Strich", so die WeWo, hat der private Sektor Schwedens seit 1950 fast keine neuen Stellen geschaffen, prächtig gediehen ist dagegen in der gleichen Zeit der öffentliche Sektor. wo mit Steuergeldern fast eine Million zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen worden sind."

Das ist eine interessante Arbeitshypothese: Danach hat Schwedens Staat, indem er eine Million Jobs geschaffen und die dazu nötigen Steuern erhoben hat, die Privatindustrie daran gehindert, ihrerseits noch mehr Stellen zu schaffen. Könnte sein. Doch wie kann man diese These überprüfen? Wo bleiben die Belege? Die WeWo hat sie nicht, oder nennt nie nicht. Und mit welcher Theorie könnte man die These begründen? Die WeWo entwickelt sie nicht.

Das wäre auch nicht ganz einfach. Die Logik des Wettbewerbs und der technologische Fortschritt zwingen die Unternehmen, ihre Produkte und Dienstleistungen mit immer weniger Personal zu produzieren. Die Neuestes Beispiel: Ford USA baut ein Drittel aller Stellen ab. Der Konsum hält mit dem Produktivitätswachstum nicht Schritt. Es ist deshalb nur logisch, wenn die Privatindustrie per Saldo Stellen abbaut. Schweden steht in dieser Beziehung nicht allein.

Bei den vom Staat erbrachten Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheit, Sicherheit usw. sind die Produktivitätsfortschritte nicht so gross. Es ist deshalb nur logisch, dass der Anteil dieser Dienste am Bruttoinlandprodukt steigt. Auch in dieser Hinsicht verhält sich Schweden ganz normal. Was hier vorgeht, entspricht der elementaren volks- und betriebswirtschaftlichen Logik. Wir leben nun mal in einer Wirtschaft, die mit immer weniger Material- und Arbeitseinsatz immer mehr Güter und Dienstleistungen herstellt.

Konkret stellt Schweden sein aktuelles Bruttosozialprodukt mit 750 Arbeitsstunden pro Kopf und Jahr her. Umgerechnet auf die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter entspricht dies etwa einer 26-Stundenwoche. Vor 38 Jahren arbeitete man für ein halb so grosses BIP pro Kopf noch etwa 850 Stunden. Damals wurde die Haus- und Erziehungsarbeit noch unentgeltlich von den Frauen gemacht. Unter diesen Umständen war die 40-Stundenwoche in etwa das, was man brauchte.

Heute reicht - rein wirtschaftlich gesehen - in fast allen Ländern eine 25 - oder 30-Stundenwoche. Gesellschaftlich gesehen ist aber noch immer der Vollzeitjob die Norm. Man kann das auch so formulieren. Die Leute wollen 40 Stunden arbeiten, aber sie konsumieren bloss das Produkt von 25 Stunden Arbeit. Deshalb ist Ware im Überfluss da, Arbeitsplätze hingegen sind zur Mangelware geworden. Die Logik der Wirtschaft hat sich umgekehrt. Früher hiess es: Wer konsumieren will, soll gefälligst auch arbeiten. Heute müsste es heissen: Wer arbeiten will, soll gefälligst auch konsumieren.

Doch Konsum kann nicht dazu da, uns Arbeit zu verschaffen. Deshalb muss man den neuen kategorischen Imperativ so formulieren: Wer nur das Produkt von 25 Stunden Arbeit konsumiert, soll auch nur 25 Stunden arbeiten dürfen. Das Problem sind nicht die "faulen" Arbeitslosen, sondern die fleissigen Arbeitsbienen und Konsumverweigerer. Sie fügen mit ihrem Fleiss den andern das Leid zu, das sie für sich selbst vermeiden wollen - die Arbeitslosigkeit.

Dieses mentale Problem hat auch Schweden noch nicht gelöst.
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Zuletzt aktualisiert: 21. Okt, 18:16

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