Pickelhauben statt Terracotta

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel bietet in der jüngsten Nummer mit seiner Titelgeschichte ein bemerkenswertes Stück Journalismus. Auf der Titelseite werden die Leser schon mal eingestimmt: Eine Armee von finsteren Terracotta-Kriegern überrollt uns. Als Waffen tragen die Krieger Autos, PCs, Handys, Lokomotiven, Frachtern und Fotoapparaten. Damit so spürt man, wollen sie uns vernichten.

Dann folgt auf den Seiten 45 bis 68 die inzwischen übliche Litanei: Die Chinesen kommen und Osteuropa noch dazu. "Nie zuvor in der Geschichte hat es eine derartige Ausweitung des Arbeitskräfte-Angebots gegeben. Eine wahre Arbeiterinflation ist in Gang gekommen, denn dieser Angebotserweiterung steht keine auch nur vergleichbare Nachfrage entgegen." Und der unheilschwangere Text wird eingerahmt durch noch bedrohlichere Bilder und Graphiken: Deutschlands Industriearbeitsplätze schwinden, Chinas Devisenreserven, der Spiegelbild der Exportüberschüsse, wachsen ins Unendliche. Hier arbeitslose Deutsche, dort Chinas uniformierte Arbeitermassen. Die Konsequenz ist klar: Löhne und Lebenshaltung runter: "Selbst ein sofortiges Einfrieren der Löhne in Westeuropa bringt nicht viel. Selbst bei gleich bleibendem Lohnanstieg in den Angreiferstaaten wären die Einkommen dieser Länder in 30 Jahren immer erst halb so hoch wie im Westen."

Ähnliches hatte man in "Spiegel", "Stern", FAZ, NZZ usw. schon oft gelesen. Doch erstmals ist die Geschichte hier nicht zu Ende. Endlich traut sich einer - der Spiegel- und Buchautor Gabor Steingart - die nahe liegend Frage zu stellen, ob denn eine Globalisierung, die fast alle ärmer macht, nicht besser vermieden werden sollte. Und seine Antwort ist so gesehen nur logisch: Wir müssen uns wehren. "Dem friedlichen Warenaustausch gab es schon damals nur in den Werken der Klassiker. Die Handelskonditionen sind für China nur eine Frage der Nützlichkeit, nicht des Glaubens. Europa täte gut daran, für Waffengleichheit zu sorgen."

Im Klartext: Europa braucht eine starke Dosis Protektionismus. Das ist aus deutscher Sicht schon mal ein bedeutender intellektueller Fortschritt. Bisher war die Frage nach dem Sinn der Globalisierung im Establishment tabu. Doch leider hat Steingart bei der Analyse nicht die richtigen Fragen gestellt. Sonst wäre ihm wahrscheinlich aufgefallen, dass die Gefahr nicht in erster Linie aus China droht, sondern aus Deutschland selbst kommt. Preussiche Pickelhauben statt chinesische Terracotta-Krieger.

Das Hauptproblem der Globalisierung sind unsere Antworten darauf: Sparprogramme, Gürtel enger schnallen, Löhne kürzen, noch mehr arbeiten, all dieser Unsinn.

Zunächst einmal: Was ist so schlimm daran, wenn uns die Weisen aus dem Morgenland mit billigen Gütern überschütten? Wie können alle ärmer werden, wenn gleichzeitig die Wirtschaft immer produktiver wird? Irgendjemand muss ja das Zeug konsumieren. Zwar könnte es theoretisch sein, dass die Chinesen alles produzieren und für uns nichts mehr zu produzieren bleibt. Doch das passiert erstens nicht. Die Schweiz hat enorme Handelsüberschüsse. Deutschland auch. Und zweitens: Selbst wenn es passiert, so what? Die USA haben riesige Handelsdefizite und dennoch hohe Wachstumsraten.

Steingart fällt einem Copperfield-Trick zum Opfer:Zwar wandern wie immer einige Arbeitsplätze ins Ausland ab. Zurzeit vor allem nach China. Viele wandern auch zurück. Das Hin und Her ist hektischer als auch schon. Das erreigt unsere Aufmerksamkeit. Doch insgesamt, per Saldo, wandern die Arbeitsplätze nicht ab. Sie werden dadurch überflüssig gemacht, dass die Produktivität schneller steigt als der Konsum. Das war schon immer so. Und es macht absolut keinen Sinn, das ändern zu wollen.

Man kann diesen Prozess allerdings beschleunigen, indem man dafür sorgt, dass die Löhne langsamer steigen als die Produktivität. Das ist der sicherste Weg zur Massen-Arbeitslosigkeit - und Deutschland beschreitet ihn seit 20 Jahren.

Bevor Deutschland deshalb zu protektionistischen Massnahmen greift, sollte man es vielleicht mal mit einer vernünftigen Lohnpolitik versuchen.
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Zuletzt aktualisiert: 21. Okt, 18:16

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