Arbeitgeber-Prawda

Seit der Prawda sind Zentralorgane dazu da, die Wahrheit zu verkünden. So auch der "Schweizer Arbeitgeber", das Zentralorgan des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes. Unter dem Titel "Arbeitsmarkt Schweiz: Fehldiagnose versus Fakten", widerlegt Hans Reis auf der Grundlage einer Studie von Professor George Sheldon sechs verschiedene Diagnosen und Rezepte, "die sich beim Betrachten der Fakten eindeutig als falsch erweisen."

Als Fehldiagnose Nr. 1 wird die These "uns geht die Arbeit aus" entlarvt. "Die Befürworter der These der Verteilung der Arbeit auf mehr Hände", so liest man da, "gingen davon aus, dass die Rationalisierung zur Folge haben werde, dass immer weniger Arbeit gebraucht wird, um eine bestimmte Menge von Gütern herzustellen." Diese Einschätzung führte auch in der Schweiz dazu, dass "namentlich die Gewerkschaften und die SP eine Verkürzung der Arbeitszeit postulierten, ermuntert und ermutigt durch die Entwicklung in Deutschland und in Frankreich."

Soweit der Volksmund. Für den Volkswirtschafter ist das "historisch betrachtet schlichtweg falsch." Sein tabellarisch dargestellter Beweis: Von 1870 bis 1994 ist zwar die Produktion um das 12- und die Produktivität pro Arbeitsstunde um das 7,3fache gestiegen, die Zahl der jährlichen Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen sei aber dennoch nur um 42 Prozent gesunken und die Zahl der Erwerbstätigen haben sich beinahe verdreifacht. Ähnliche Zahlen werden auch für die Zeiträume 1870 bis 1979 und von 1979 bis 1994 geliefert.

Das sind viele Zahlen, doch wir sollten uns nicht verwirren lassen: Nur eine Zahl bezieht sich auf erwähnte Diagnose - und bestätigt sie: Die Zahl der Arbeitsstunden pro Beschäftigten ist kontinuierlich und nicht nur in Krisenzeiten gesunken. Genau was die "Fehldiagnostiker" sagen. Und auch ihre Rezepte haben sich bewährt. 1870 waren wöchentliche Arbeitszeiten von 70 Stunden und mehr noch an der Tagesordnung und es gab kaum gesetzliche Beschränkungen der Arbeitszeit. Inzwischen gibt es sie - zum Glück.

In jüngster Zeit ist uns die Arbeit übrigens noch schneller ausgegangen. Die aktuellsten Statistiken zeigen seit 1991 einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Arbeitszeit (gemessen an so genannten Vollzeitäquivalenten) von 6,8 Prozent. Gleichzeitig hat die Bevölkerung um rund 9 Prozent zugenommen. Pro Jahr und Kopf verringert sich also die Arbeitszeit um rund 1 Prozent. Genau wie seit 1870, nur deutlich schneller.

Einen Unterschied gibt es allerdings: Damals nahm die Zahl der Erwerbstätigen noch zu - dank dramatischen Arbeitszeitverkürzungen. Heute, bzw. seit 1991 nimmt die Zahl der Beschäftigten sogar leicht ab, obwohl immer mehr Erwerbstätige freiwillig oder gezwungenermassen - nur noch Teilzeit arbeiten.

Die Arbeit geht uns aus - ausser wir verteilen sie.
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Zuletzt aktualisiert: 21. Okt, 18:16

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