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    <title>Argumente? Mythen?</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/386634</link>
    <description>&lt;br /&gt;
&quot;Wirtschaftspoltische Mythen, Argumente zur Versachlichung der Debatte&quot; heisst das neueste Buch der Avenir Suisse. Das ist schon mal gut: Die liberale Denkfabrik will die wirtschaftspolitische Debatte führen. Sie anerkennt damit zumindest die Wichtigkeit der politischen Auseinandersetzung und vielleicht sogar das Primat der Politik. Wer Wirtschaftspolitik ernst nimmt, will die Märkte politisch gestalten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Avenir Suisse sieht sich dabei in die Defensive gedrängt: &quot;In den letzten 30 Jahren haben es die Kritiker der freien Marktwirtschaft verstanden, die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger von ihrer Meinung zu überzeugen.&quot; Doch das, so meinen die Autoren, liege nicht daran, dass ihre Wertvorstellungen und Rezepte nicht mehrheitsfähig seien. Sie glauben vielmehr, dass die Mehrheit bloss schlecht informiert sei: &quot;Faktenbasierte Diskussionen über Wirtschaftspolitik haben einen schweren Stand.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vorwurf ist berechtigt. Die Kritik an der freien Marktwirtschaft und insbesondere an der Globalisierung ist oft reich an Emotionen und arm an Fakten. Doch dieser Mangel haftet auch auf der Streitschrift der Avenir Suisse an. Nur im Kapitel über das &quot;Vorbild Schweden&quot; wird sachbezogen und faktenreich diskutiert. Die Schlussfolgerung - &quot;Der Erfolg der nordischen Länder beruht auch auf nachhaltigen Reformen&quot; - wird zwar nicht wirklich bewiesen, aber gut begründet. Darüber kann man sich ernsthaft streiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonst besticht das Büchlein allerdings vor allem durch eine Anhäufung von nicht nachprüfbaren Behauptungen und falschen Unterstellungen. Das Kapitel über die Löhne ist dafür ein typisches Beispiel. Hier schicken sich die Autoren an, das &quot;Baron von Münchhausen Prinzip&quot; zu widerlegen, wonach man bloss die Löhne um 20 bis 30 Prozent zu erhöhen brauche, &quot;und schon kommen wir aus dem Schlammassel der Arbeitslosigkeit heraus.&quot; Doch das hat so noch niemand behauptet. Kein seriöser Ökonom - ob links oder rechts - glaubt, dass man mit dem Tempo der Lohnsteigerungen das Tempo des Wachstums vorgeben, und die Wirtschaft am Schopf der eigenen Nachfrage aus dem Sumpf ziehen könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Forderung nach höheren Löhnen geht es bloss darum, dass die Löhne mit der Produktivität Schritt halten sollen, was zumindest in Deutschland seit bald 20 Jahren nicht mehr der Fall ist. In der Schweiz ist die Faktenlage etwas weniger eindeutig. Tatsache ist aber, dass auch die Arbeitnehmer in der Schweiz nicht mehr damit rechnen können, dass ihre Löhne der Teuerung, geschweige denn der Entwicklung der Produktivität angepasst werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die konkrete Frage ist nun, ob eine Situation, in welcher die Gewinne stark steigen, die Löhne generell unter Druck geraten und die Lohnaussichten unsicher geworden sind, zu Arbeitslosigkeit führen kann. Diese These ist zumindest plausibel. Um sie zu widerlegen, müsste man erst einmal die Fakten diskutieren. Gibt es eine Lohnlücke? Wenn ja, wie wirkt sie sich aus? Kompensiert das Wachstum der Exporte den, durch den tieferen Lohn bewirkten Rückgang der einheimischen Nachfrage usw. Doch diese &quot;faktenbasierte Diskussion&quot; findet nicht statt. Auf den neun Seiten, die dieser komplexen Frage gewidmet sind, findet sich genau zwei konkrete Zahlen. Doch diese betreffen nicht die Löhne, um die es eigentlich geht, sondern ein staatliches Investitionsprogramm, das sich irgendwie in dieses Kapitel verirrt hat. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch seltsamer ist das Kapitel über die Umverteilung. Es soll folgende &quot;Realität&quot; bewiesen werden: &quot;Masslose staatliche Umverteilung verbessert die Einkommensverteilung nicht, ist nicht nachhaltig und schwächt die Produktivität.&quot; Wohlan. Wie masslos ist die Umverteilung in der Schweiz genau? Funkstille. Das einzige, was wir dazu erfahren ist, dass &quot;der stärkste generelle Umverteilungseffekt&quot; von der AHV ausgeht. Will die Avenir Suisse die AHV abschaffen? Wie sieht die Einkommensverteilung der Schweiz aus? Funkstille. Warum schwächt die Umverteilung die Produktivität? Gibt es dazu Studien, Belege? Funkstille. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stattdessen erschrickt man uns mit den Prophezeiungen eines schottischen Historikers aus dem 18. Jahrhundert, wonach die Demokratie zugrunde gehen müsse, sobald &quot;die Stimmberechtigten erkennen, dass sie sich dank ihres Stimmrechts grosszügig aus der Staatskasse bedienen können.&quot; Und weil bisher offenbar weder das eine noch das andere geschehen ist, wird das jüngste Gericht zwei Seiten später noch ein wenig hinausgezögert: &quot;Ein reicher Staat kann sich ökonomisches Fehlverhalten zwar länger leisten als der arme, er wird später aber umso härter getroffen.&quot; Merke: Wer &quot;Neid schürt&quot; (der Ausdruck kommt im Buch mehrmals vor) wird im Fegefeuer schmoren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vollends unklar bleibt auch, was der Kasten über die Hartz IV-Reform in Deutschland im Kapitel über die Umverteilung zu suchen hat. Mit Hartz IV sollte das Arbeitslosengeld massiv gekürzt und damit der deutschen Arbeitsmarkt &quot;flexibilisiert&quot; werden - ein Schwerpunkt der neoliberalen Reform-Agenda. Mit massloser staatlicher Umverteilung hat Hartz IV nichts zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch versteht sich als Antwort auf &quot;moralisch aufgeladene Polemiken&quot; wie namentlich &quot;Der Irrsinn der Reformen&quot;. Zu diesem Zweck habe die Avenir Suisse eine Reihe von Persönlichkeiten und Ökonomen wie Ernst Baltensberger, Silvio Borner, Reiner Eichenberger, Beat Kappeler und Thomas Straubhaar versammelt, um &quot;diesen Mythen ökonomisch stichhaltige Argumente entgegen zu setzen.&quot;  Was dabei herausgekommen ist, kann man - in Anlehnung an das berühmt-berüchtigte &quot;Weissbuch&quot; von 1995 als &quot;Schwarzbuch über den Zustand der etablierten Ökonomie in der Schweiz&quot; bezeichnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jürg de Spindler und Kurt Schiltknecht: Wirtschaftspolitische Mythen, Argumente zur Versachlichung der Debatte. Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Philipp Löpfe und Werner Vontobel: Der Irrsinn der Reformen: Warum mehr Wettbewerb und weniger Staat zu Wohlstand führen. Orell Füssli Verlag 2005&lt;br /&gt;

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    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-10-21T16:16:56Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/386075">
    <title>Gesunder Aufschwung</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/386075</link>
    <description>&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die NZZ weiss, was gut ist, und sie geizt nicht mit guten Ratschlägen und Lob und Tadel. Portugal bleibt davon nur deshalb verschont, weil dort glücklicherweise kaum jemand den Wirtschaftsteil der NZZ lesen dürfte. Zudem kommt der Tadel der alten Tante ein wenig spät. Im zweiten Quartal dieses Jahres ist die portugiesische Wirtschaft nämlich erstmals &quot;richtig&quot; gewachsen. Unter dem Zwischentitel &quot;Das richtige Wachstum&quot; liest man da: &quot;Getragen wurde das Wachstum nicht mehr vom privaten Konsum, der in den letzten Jahren trotz Krisenstimmung teilweisen noch kräftig zugelegt hatte, sondern - entsprechend der Idealvorstellung von einem gesunden Wachstum - von einem Wachstum der Exporte von Waren und Dienstleistungen.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den vergangenen fünf Jahren ist Portugals Privatkonsum gerade mal um durchschnittlich 1,4 Prozent gewachsen. Das ist zwar wenig - die Engländer etwa haben ihren Konsum fast doppelt so schnell gesteigert - doch der Privatkonsum hat Portugals Regierung daran gehindert, mit ihrer von der EU-Kommission erzwungenen Sparpolitik das Land vollends in die Depression zu treiben. Das ist zumindest aus der Sicht der nationalen Buchhaltung klar. Zwar kann man rein theoretisch auch die gegenteilige These vertreten, wonach der &quot;kräftige&quot; private Konsum die &quot;Sanierung&quot; Portugals verzögert habe. Doch ein solcher Zusammenhang ist sehr unwahrscheinlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vollends &quot;idealogischer&quot; Unsinn ist jedoch die &quot;Idealvorstellung&quot;, wonach ein &quot;gesunder&quot; Aufschwung immer nur über den Export und nie über die einheimische Nachfrage laufen muss. Es ist nämlich so, dass auch Exporte nur als Exporte registriert werden, wenn jemand die Ware gekauft hat, und das wiederum macht nur Sinn, wenn man das käuflich Erworbene auch konsumiert. Kurz: Der Export der einen ist der Konsum der anderen. Wenn alle immer nur exportieren wollen, schwingt keiner gesund auf. Auch wenn das die NZZ nie begreifen wird.&lt;br /&gt;

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    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-09-30T17:46:26Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/383958">
    <title>Modell Schweden?</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/383958</link>
    <description>Schweden hat eine hohes Wirtschaftswachstum, einen hohe Staatsanteil BIP und eine tiefe Arbeitslosenquote. Deshalb ist das Land für die Linke eine rotes Modell - und für die Rechte ein rotes Tuch. Die anstehenden Wahlen waren nun auch für die &quot;Weltwoche&quot; die Gelegenheit, das &quot;Modell-Schweden&quot; zu demontieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat hat Schweden Schwachpunkte. Das hohe Wachstum hat keine zusätzlichen Arbeitsplätze geschaffen, und die Arbeitslosenquote ist nur auf dem Papier tief. Rund 100&apos;000 Menschen sind in staatlichen Programmen scheinbeschäftigt, und 10 Prozent der werktätigen Bevölkerung beziehen eine Invalidenrente und fallen deshalb - obwohl sie nicht arbeiten, aus der Arbeitslosenstatik hinaus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles richtig. Fragt sich warum. Die &quot;Weltwoche&quot; entwickelt die Standard-These, dass der teure Sozialstaat und die starren Tarifverträge die Privatunternehmen daran gehindert hätten, sich voll zu entfalten, und Jobs zu schaffen. &quot;Unter dem Strich&quot;, so die WeWo, hat der private Sektor Schwedens seit 1950 fast keine neuen Stellen geschaffen, prächtig gediehen ist dagegen in der gleichen Zeit der öffentliche Sektor. wo mit Steuergeldern fast eine Million zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen worden sind.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist eine interessante Arbeitshypothese: Danach hat Schwedens Staat, indem er eine Million Jobs geschaffen und die dazu nötigen Steuern erhoben hat, die Privatindustrie daran gehindert, ihrerseits noch mehr Stellen zu schaffen. Könnte sein. Doch wie kann man diese These überprüfen? Wo bleiben die Belege? Die WeWo hat sie nicht, oder nennt nie nicht. Und mit welcher Theorie könnte man die These begründen? Die WeWo entwickelt sie nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wäre auch nicht ganz einfach. Die Logik des Wettbewerbs und der technologische Fortschritt zwingen die Unternehmen, ihre Produkte und Dienstleistungen mit immer weniger Personal zu produzieren. Die Neuestes Beispiel: Ford USA baut ein Drittel aller Stellen ab. Der Konsum hält mit dem Produktivitätswachstum nicht Schritt. Es ist deshalb nur logisch, wenn die Privatindustrie per Saldo Stellen abbaut. Schweden steht in dieser Beziehung nicht allein. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei den vom Staat erbrachten Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheit, Sicherheit usw. sind die Produktivitätsfortschritte nicht so gross. Es ist deshalb nur logisch, dass der Anteil dieser Dienste am Bruttoinlandprodukt steigt. Auch in dieser Hinsicht verhält sich Schweden ganz normal. Was hier vorgeht, entspricht der elementaren volks- und betriebswirtschaftlichen Logik. Wir leben nun mal in einer Wirtschaft, die mit immer weniger Material- und Arbeitseinsatz immer mehr Güter und Dienstleistungen herstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konkret stellt Schweden sein aktuelles Bruttosozialprodukt mit 750 Arbeitsstunden pro Kopf und Jahr her. Umgerechnet auf die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter entspricht dies etwa einer 26-Stundenwoche. Vor 38 Jahren arbeitete man für ein halb so grosses BIP pro Kopf noch etwa 850 Stunden. Damals wurde die Haus- und Erziehungsarbeit noch unentgeltlich von den Frauen gemacht. Unter diesen Umständen war die 40-Stundenwoche in etwa das, was man brauchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute reicht - rein wirtschaftlich gesehen - in fast allen Ländern eine 25 - oder 30-Stundenwoche. Gesellschaftlich gesehen ist aber noch immer der Vollzeitjob die Norm. Man kann das auch so formulieren. Die Leute wollen 40 Stunden arbeiten, aber sie konsumieren bloss das Produkt von 25 Stunden Arbeit. Deshalb ist Ware im Überfluss da, Arbeitsplätze hingegen sind zur Mangelware geworden. Die Logik der Wirtschaft hat sich umgekehrt. Früher hiess es: Wer konsumieren will, soll gefälligst auch arbeiten. Heute müsste es heissen: Wer arbeiten will, soll gefälligst auch konsumieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Konsum kann nicht dazu da, uns Arbeit zu verschaffen. Deshalb muss man den neuen kategorischen Imperativ so formulieren: Wer nur das Produkt von 25 Stunden Arbeit konsumiert, soll auch nur 25 Stunden arbeiten dürfen. Das Problem sind nicht die &quot;faulen&quot; Arbeitslosen, sondern die fleissigen Arbeitsbienen und Konsumverweigerer. Sie fügen mit ihrem Fleiss den andern das Leid zu, das sie für sich selbst vermeiden wollen - die Arbeitslosigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses mentale Problem hat auch Schweden noch nicht gelöst.&lt;br /&gt;

</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-09-16T15:37:03Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/383957">
    <title>Pickelhauben statt Terracotta</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/383957</link>
    <description>Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel bietet in der jüngsten Nummer mit seiner Titelgeschichte ein bemerkenswertes Stück Journalismus. Auf der Titelseite werden die Leser schon mal eingestimmt: Eine Armee von finsteren Terracotta-Kriegern überrollt uns. Als Waffen tragen die Krieger Autos, PCs, Handys, Lokomotiven, Frachtern und Fotoapparaten. Damit so spürt man, wollen sie uns vernichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann folgt auf den Seiten 45 bis 68 die inzwischen übliche Litanei: Die Chinesen kommen und Osteuropa noch dazu. &quot;Nie zuvor in der Geschichte hat es eine derartige Ausweitung des Arbeitskräfte-Angebots gegeben. Eine wahre Arbeiterinflation ist in Gang gekommen, denn dieser Angebotserweiterung steht keine auch nur vergleichbare Nachfrage entgegen.&quot; Und der unheilschwangere Text wird eingerahmt durch noch bedrohlichere Bilder und Graphiken: Deutschlands Industriearbeitsplätze schwinden, Chinas Devisenreserven, der Spiegelbild der Exportüberschüsse, wachsen ins Unendliche. Hier arbeitslose Deutsche, dort Chinas uniformierte Arbeitermassen. Die Konsequenz ist klar: Löhne und Lebenshaltung runter: &quot;Selbst ein sofortiges Einfrieren der Löhne in Westeuropa bringt nicht viel. Selbst bei gleich bleibendem Lohnanstieg in den Angreiferstaaten wären die Einkommen dieser Länder in 30 Jahren immer erst halb so hoch wie im Westen.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ähnliches hatte man in &quot;Spiegel&quot;, &quot;Stern&quot;, FAZ, NZZ usw. schon oft gelesen. Doch erstmals ist die Geschichte hier nicht zu Ende. Endlich traut sich einer - der Spiegel- und Buchautor Gabor Steingart - die nahe liegend Frage zu stellen, ob denn eine Globalisierung, die fast alle ärmer macht, nicht besser vermieden werden sollte. Und seine Antwort ist so gesehen nur logisch: Wir müssen uns wehren. &quot;Dem friedlichen Warenaustausch gab es schon damals nur in den Werken der Klassiker. Die Handelskonditionen sind für China nur eine Frage der Nützlichkeit, nicht des Glaubens. Europa täte gut daran, für Waffengleichheit zu sorgen.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Klartext: Europa braucht eine starke Dosis Protektionismus. Das ist aus deutscher Sicht schon mal ein bedeutender intellektueller Fortschritt. Bisher war die Frage nach dem Sinn der Globalisierung im Establishment tabu. Doch leider hat Steingart bei der Analyse nicht die richtigen Fragen gestellt. Sonst wäre ihm wahrscheinlich aufgefallen, dass die Gefahr nicht in erster Linie aus China droht, sondern aus Deutschland selbst kommt. Preussiche Pickelhauben statt chinesische Terracotta-Krieger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Hauptproblem der Globalisierung sind unsere Antworten darauf: Sparprogramme, Gürtel enger schnallen, Löhne kürzen, noch mehr arbeiten, all dieser Unsinn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst einmal: Was ist so schlimm daran, wenn uns die Weisen aus dem Morgenland mit billigen Gütern überschütten? Wie können alle ärmer werden, wenn gleichzeitig die Wirtschaft immer produktiver wird? Irgendjemand muss ja das Zeug konsumieren. Zwar könnte es theoretisch sein, dass die Chinesen alles produzieren und für uns nichts mehr zu produzieren bleibt. Doch das passiert erstens nicht. Die Schweiz hat enorme Handelsüberschüsse. Deutschland auch. Und zweitens: Selbst wenn es passiert, so what? Die USA haben riesige Handelsdefizite und dennoch hohe Wachstumsraten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Steingart fällt einem Copperfield-Trick zum Opfer:Zwar wandern wie immer einige Arbeitsplätze ins Ausland ab. Zurzeit vor allem nach China. Viele wandern auch zurück. Das Hin und Her ist hektischer als auch schon. Das erreigt unsere Aufmerksamkeit. Doch insgesamt, per Saldo, wandern die Arbeitsplätze nicht ab. Sie werden dadurch überflüssig gemacht, dass die Produktivität schneller steigt als der Konsum. Das war schon immer so. Und es macht absolut keinen Sinn, das ändern zu wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann diesen Prozess allerdings beschleunigen, indem man dafür sorgt, dass die Löhne langsamer steigen als die Produktivität. Das ist der sicherste Weg zur Massen-Arbeitslosigkeit - und Deutschland beschreitet ihn seit 20 Jahren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bevor Deutschland deshalb zu protektionistischen Massnahmen greift, sollte man es vielleicht mal mit einer vernünftigen Lohnpolitik versuchen.
</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-09-13T16:02:05Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/383951">
    <title>Massenfesselung</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/383951</link>
    <description>Kann man von 1000 Franken pro Monat leben? Vielleicht wenn man noch bei den Eltern wohnt und auf Besuche im Kino und im Restaurant verzichtet, und so lange man nicht krank wird. Aber so richtig frei würde man sich unter diesen finanziell beengten Verhältnissen wohl nicht fühlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fühlte man sich freier, wenn der Lohn wenigsten schon mal auf 1500 Franken steigt? Wahrscheinlich, zumindest eine kurze Zeit lang. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch wie frei sind eigentlich die Menschen, die für umgerechnet etwa 10 Franken pro Stunde zu einer mühseligen Putzarbeit verpflichten lassen? Und wie vergleicht sich ihre Freiheit mit der - sagen wir mal - eines NZZ-Redaktors der alles in allem gut das Fünffache verdienen dürfte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sind lauter Fragen, die man sich an der Falkenstrasse offenbar nicht stellt. Denn dort werden die Löhne (der anderen) nicht daran gemessen, ob man davon anständig leben kann, sondern ob sie &quot;markträumend&quot; sind. Das, so weiss die NZZ, sei der gesetzliche Mindestlohn von 7 Euro, der diese Woche für Deutschlands Gebäudereiniger/innen eingeführt worden ist, &quot;längst nicht&quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genaueres erfahren wir nicht, doch wir dürfen annehmen, dass ein Lohn von etwa 5 Euro pro Stunde das Kriterium des Markträumens erfüllt. Dieser Begriff meint den Preis, bei dem sich Angebot und Nachfrage gerade etwa ausgleichen. Das Lehrbuch, in dem solche Weisheiten stehen, ist realistischer als deren Autoren je gedacht haben. In der Tat könnte man sich vorstellen, dass ein Hungerlohn von 5 Euro genau so viele Gebäudereiniger am Leben oder bei Kräften hält, wie der deutsche Markt zurzeit gerade braucht. Zum würde so die &quot;strukturelle Arbeitslosigkeit&quot; bekämpft. Wer wegen Tod oder Krankheit ausfällt, fällt auch aus der Arbeitslosenstatistik.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist also ein lebenserhaltender Mindestlohn vielleicht doch eine gute Sache? Nein, denn was ist ein Leben ohne Freiheit? &quot;Statt nach Merkels Slogan mehr Freiheit zu wagen&quot;, so klagt die NZZ, &quot;werden den Arbeitnehmern noch mehr Fesseln angelegt.&quot; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glaubt man der NZZ, so droht Deutschland eine flächendeckende Massenfesselung: &quot;Die tariflichen Mindestlöhne gelten dann für alle 850&apos;000 Arbeitnehmer im Lande, die Konkurrenz ausländischer Betriebe wird zur Freude der Gewerkschaft und des Branchenverbands ausgeschaltet. Doch das ist längst nicht alles. Bereits buhlen Gewerkschaften und Verbände der boomenden Zeitarbeitsbranche um denselben Schutz.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo käme man da hin, wenn jeder vom Lohn auch noch leben wollte?
</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-08-26T18:00:16Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/237903">
    <title>Nerven blank - Hirn auch</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/237903</link>
    <description>&quot;Das Datenleck bei Swift legt in der Bankenszene die Nerven blank. Die einen wollen nichts gewusst haben. Die andern wussten mehr, als sie zugeben.&quot;&lt;br /&gt;
Tages-Anzeiger vom 7. Juli&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immer, wenn sich irgendwo ein Skandal ereignet, wissen wir Journalisten, dass sich folgende Frage aufdrängt: Wer hat wann was gewusst? So auch bei der so genannten Swift-Affäre. Klar scheint inzwischen, dass die Verwaltungsräte der Swift informiert waren. Dass deshalb auch die beiden Grossbanken über ihre Vertreter im Swift-Verwaltungsrat Bescheid wussten, darf zumindest vermutet werden. Offen bleibt, gemäss einem Bericht des TA, ob nicht auch die kleinen Vermögensverwaltungsbanken, die jetzt so empört aufschreien. nicht längst Gelegenheit gehabt hätten, sich kundig zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So weit der öffentliche Wissensstand zur Wer-Hat-Wann-Was-Gewusst-Frage. Gerne hätte man auch erfahren, ob es sich bei dieser &quot;Affäre&quot; wirklich um einen Skandal handelt, worin genau der eventuelle Schaden besteht, wer allenfalls wie geschädigt worden ist, und ob eventuelle Eingriffe in die Privatsphäre (Verletzung des Bankgeheimnisses) nicht allenfalls durch ein höheres Gut (öffentliche Sicherheit? Schutz vor Terror?) gerechtfertigt sein könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch bei diesen Sachfragen hat sich niemand aufgehalten. Die Empörung war schneller. CIA und Bankgeheimnis sind Schlagwörter, die fest einprogrammierte Reflexe auslösen. Man ist gegen die CIA und man verteidigt das Bankgeheimnis. Zumindest dann, wenn es vom Ausland angegriffen wird. Was es dann noch braucht, ist der lokale Buhmann, der Mann oder die Institution, der die Schweiz verraten oder doch zumindest das nationale Interesse nicht heldenhaft genug verteidigt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch welches (nationale) Interesse? Offenbar geht es darum, dass der CIA zwar nicht über Bestände auf den Bankkonten, aber immerhin über den grenzüberschreitenden Geldverkehr informiert wird. Welcher Missbrauch wird dadurch möglich? Werden Informationen an die Steuerbehörden weitergegeben? Und wenn ja, wie ist dieser Eingriff in die Privatsphäre zu werten? Niemand hat diese Fragen konkret erörtert. Die Medien begnügten sich damit, eine Verletzung des Bankgeheimnisses festzustellen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manchmal wurde noch die Überlegung angestellt, dass allein dieser Verdacht, die internationalen Anleger dazu bewegen könnte, die Schweiz zu meiden, womit sich dann indirekt ein Schaden für den Finanzplatz Schweiz ergäbe, ohne dass irgend ein Anleger einen direkten Schaden erleiden musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der andern Seite ist es ja zumindest nicht ausgeschlossen, dass dank dem Zugriff der CIA auf die Swift-Daten  tatsächlich Verbrechen bekämpft oder terroristische Anschläge vereitelt werden können. Die Schweizer Medien haben diese Frage nicht erörtert. Aus Gedankenlosigkeit? Oder weil unser Bankgeheimnis ohnehin (und ohne Diskussion) wichtiger ist als Menschenleben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder sind die Schweizer Medien inzwischen kollektiv davon überzeugt, dass die US-Regierung den Kampf gegen den Terror bloss als Vorwand benutzt, um unter Missachtung aller Persönlichkeitsrechte die totale Macht an sich zu reissen? Doch, wenn das unsere Sorge sein sollte, warum machen denn die wirklich gravierenden Übergriffe der US-Regierung (Guantanamo, Afghanistan, Irak) kaum je Schlagzeilen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Welt draussen lässt uns ziemlich kalt. Doch wehe ein Datenleck im Swift kratzt am Bankgeheimnis. Dann liegen bei uns die Nerven blank.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;

</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-07-08T16:05:43Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/118896">
    <title>Arbeitgeber-Prawda</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/118896</link>
    <description>Seit der Prawda sind Zentralorgane dazu da, die Wahrheit zu verkünden. So auch der &quot;Schweizer Arbeitgeber&quot;, das Zentralorgan des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes. Unter dem Titel &quot;Arbeitsmarkt Schweiz: Fehldiagnose versus Fakten&quot;, widerlegt Hans Reis auf der Grundlage einer Studie von Professor George Sheldon sechs verschiedene Diagnosen und Rezepte, &quot;die sich beim Betrachten der Fakten eindeutig als falsch erweisen.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Fehldiagnose Nr. 1 wird die These &quot;uns geht die Arbeit aus&quot; entlarvt. &quot;Die Befürworter der These der Verteilung der Arbeit auf mehr Hände&quot;, so liest man da, &quot;gingen davon aus, dass die Rationalisierung zur Folge haben werde, dass immer weniger Arbeit gebraucht wird, um eine bestimmte Menge von Gütern herzustellen.&quot; Diese Einschätzung führte auch in der Schweiz dazu, dass &quot;namentlich die Gewerkschaften und die SP eine Verkürzung der Arbeitszeit postulierten, ermuntert und ermutigt durch die Entwicklung in Deutschland und in Frankreich.&quot; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soweit der Volksmund. Für den Volkswirtschafter ist das &quot;historisch betrachtet schlichtweg falsch.&quot; Sein tabellarisch dargestellter Beweis: Von 1870 bis 1994 ist zwar die Produktion um das 12- und die Produktivität pro Arbeitsstunde um das 7,3fache gestiegen, die Zahl der jährlichen Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen sei aber dennoch nur um 42 Prozent gesunken und die Zahl der Erwerbstätigen haben sich beinahe verdreifacht. Ähnliche Zahlen werden auch für die Zeiträume 1870 bis 1979 und von 1979 bis 1994 geliefert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sind viele Zahlen, doch wir sollten uns nicht verwirren lassen: Nur eine Zahl bezieht sich auf erwähnte Diagnose - und bestätigt sie: Die Zahl der Arbeitsstunden pro Beschäftigten ist kontinuierlich und nicht nur in Krisenzeiten gesunken. Genau was die &quot;Fehldiagnostiker&quot; sagen. Und auch ihre Rezepte haben sich bewährt. 1870 waren wöchentliche Arbeitszeiten von 70 Stunden und mehr noch an der Tagesordnung und es gab kaum gesetzliche Beschränkungen der Arbeitszeit. Inzwischen gibt es sie - zum Glück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jüngster Zeit ist uns die Arbeit übrigens noch schneller ausgegangen. Die aktuellsten Statistiken zeigen seit 1991 einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Arbeitszeit (gemessen an so genannten Vollzeitäquivalenten) von 6,8 Prozent. Gleichzeitig hat die Bevölkerung um rund 9 Prozent zugenommen. Pro Jahr und Kopf verringert sich also die Arbeitszeit um rund 1 Prozent. Genau wie seit 1870, nur deutlich schneller.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Unterschied gibt es allerdings: Damals nahm die Zahl der Erwerbstätigen noch zu - dank dramatischen Arbeitszeitverkürzungen. Heute, bzw. seit 1991 nimmt die Zahl der Beschäftigten sogar leicht ab, obwohl immer mehr Erwerbstätige freiwillig oder gezwungenermassen - nur noch Teilzeit arbeiten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeit geht uns aus - ausser wir verteilen sie. &lt;br /&gt;

</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-06-24T17:49:46Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/43933">
    <title>Die Eierköpfe aus Frankfurt</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/43933</link>
    <description>&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Führungsorgan (Executive Board) der Europäischen Zentralbank in Frankfurt setzt sich aus sechs Mitgliedern zusammen. Die sechs sind zwar unterschiedlich alt - zwischen 46 und 64 - und eine davon ist sogar eine Frau, doch alle sechs haben denselben Lebenslauf: Von der Universität direkt in den Staatsdienst, entweder im Finanzdepartement oder bei der Zentralbank. Keiner von ihnen hat je um seinen Job, um ihren Lohn oder um den unternehmerischen Gewinn gebangt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sechs leben in einer Welt der Zahlen. Ihre besondere Fähigkeit besteht darin, hunderte von Zahlenreihen darauf abzuklopfen, ob irgendeine Konstellation erkennbar ist, die auf kommende Inflationsgefahren hinweist. Sie tun das nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil die Europäische Zentralbank nur diese eine Aufgabe hat, uns vor der Inflation - definiert als jährliche Steigerung des Preisniveau um 2 Prozent und mehr - zu bewahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Woche haben die sechs von der EZB wieder zugeschlagen und die die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöht. Begründung: Die Inflationsrate ist auf 2,5 Prozent gestiegen, die Geldmenge M3 sogar um 8,6 Prozent. Die EZB glaubt immer noch an den Einfluss der Geldmenge auf die Teuerungsrate. Andere Zentralbanken, etwa die der USA oder der Schweiz haben diese Theorie längst über Bord geworfen. Andere Zentralbanken, etwa die der USA, machen auch einen Unterschied zwischen den Preisen mit und ohne Rohstoffe. Es macht wenig Sinn, Preiserhöhungen die durch steigende Ölpreise ausgelöst worden sind, durch höhere Zinsen zu bekämpfen. Die EZB hat es bisher nicht geschafft, einen um die Rohstoffpreise bereinigten Preisindex zu berechnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie immer hat die EZB ihren Entscheid auch damit begründet, dass die Löhne in Zukunft steigen könnten. Das ist eine mutige Annahme, denn die Löhne sind nämlich weltweit stark unter Druck. Sie liegen etwa in Deutschland seit Jahren weit hinter den Produktivitätssteigerungen zurück. In den USA sind die realen Stundenlöhne seit 2002 praktisch unverändert, obwohl die Produktivität um mehr als 15 Prozent gestiegen ist. Für den EU-Raum sind solche Zahlen nicht verfügbar. Wahrscheinlich deshalb, weil die EZB lieber mit vagen Vermutungen hantiert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei liegt doch ein ganz anderer Zusammenhang zumidest hoch wahrscheinlich: Je tiefer die Löhne, desto höher die Gewinne und weil die Unternehmen dieses Geld via Banken wieder in Umlauf bringen wollen, nimmt die Geldmenge zu. Wenn das so ist, wäre es absolut kontraproduktiv, via Zinserhöhungen die Konjunktur zu dämpfen und damit Lohnerhöhungen im Keime zu ersticken. Genau dies tut die EZB.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sechs Eierköpfe aus Frankfurt vernichten mit dieser Politik zwar Hunderttausende von Jobs. Aber sie sichern ihre eigenen. Denn wenn die Inflation nicht von der Geldmenge kommt, wenn sie nicht mit Zinserhöhungen bekämpft werden kann, und wenn sie vermutlich auch gar nicht so wichtig ist, dann braucht die EZB einen neuen Auftrag und neue Köpfe.
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    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-06-10T19:22:24Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/28612">
    <title>Made in Hongkong</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/28612</link>
    <description>Franz Hohler hat es schon vor Jahren kommen sehen: Made in Hongkong. Jetzt ist in China wirklich der Wurm drin: Die Bank of China hat diese Woche 10 Prozent ihrer Aktien auf den globalen Kapitalmarkt geworfen, und dafür rund 12 Milliarden Dollar kassiert. Das dürfte sich als extrem schlechter Deal erweisen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum einen braucht China braucht das Geld wirklich nicht. Das Land schwimmt ohnehin in einem Meer von Dollar-Reserven. Vor allem aber könnte der Börsengang Chinas Wachstumsmotor abwürgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Milliarden-Investitionen kommen nämlich selten allein und sie kommen immer erst hinterher. Voraus kommt eine Vorhut von Analysten und Risikomanagern. Sie wissen genau, wie börsenkotierte Unternehmen zu funktionieren haben, damit es sich lohnt, in sie zu investieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei den Banken etwa spielt die NPL-Quote eine entscheidende Rolle. Vereinfacht gesagt, handelt es sich dabei um das Verhältnis der faulen Kredite (Non performing loans) zu allen Ausleihungen. Und mit dem Einzug der Analysten hat in China eine öffentliche Diskussion darüber begonnen, ob die NPL-Quote der chinesischen Banken im Allgemeinen und der BOC im Besonderen &quot;tragbar&quot; sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Stand der Diskussion ist der: Insgesamt ist China NPL-Quote viel zu hoch. Aus Rücksicht auf die Empfindlichkeit der Chinesen hat man sich deshalb darauf verständigt, nur die NPL-Quote der seit 2003 neu gewährten Kredite zu messen. Diese wurde von der chinesischen Bankenaufsichtsbehörde auf 1 bis 2 Prozent heruntergerechnet. Auch diese Zahl ist nach westlichen Massstäben noch sehr hoch, doch die Rating Agentur Fitch drückt ein halbes Auge zu: Die umgerechnet 220 Milliarden Dollar faulen Kredite seien unter normalen Umständen nicht dramatisch, aber sobald sich das Wirtschaftswachstum verlangsame, sei das chinesischen Bankensystem &quot;extrem verwundbar&quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist genau der Punkt. Westliche Ökonomen fragen sich, ob ein Abschwung das Kreditsystem gefährden könne. Kredite müssen so sicher sein, dass sie auch im Falle einer Rezession bedient werden können. Die Chinesische Optik war bisher anders: Sie fragten sich, wie viel Kredit die Wirtschaft braucht, damit sie auf Hochtouren läuft. Das Risiko für das Bankensystem konnte dabei vernachlässigt werden, weil die Banken ohnehin dem Staat gehören. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vereinfacht gesagt: Das Kreditsystem des Westens ist auf Rezession kalibriert, das von China auf Wachstum. Das schlägt sich auch in den unterschiedlichen langfristigen Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts nieder: 9 Prozent in China, 2 Prozent in Europa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die USA, warum haben die deutlich höhere Wachstumsraten? Ganz einfach: Die USA haben ein halbstaatliches, stark subventioniertes Hypokredit-System. Und das Wachstum der USA wird vor allem vom privaten Konsum getrieben und dieser wiederum vom massiven Anstieg der Hypokredite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit andern Worten: Die Wirtschaft der USA wächst, weil dort chinesische Zustände herrschen. Und in China ist vielleicht bald der Wurm drin, wenn dort amerikanische Sitten einziehen.
</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-06-03T17:41:45Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/20668">
    <title>Kreisläufe</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/20668</link>
    <description>&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Mein Lehrer Gottfried Bombach war ein aufgeklärter Keynesianer, der stark mit Kreisläufen argumentierte. Das tut heute niemand mehr. Das denken in Kreisläufe ist tot, obwohl ich denke, dass es einen Kreislauf gibt.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit diesen Gedanken von Bruno S. Frey beginnt ein Interview in der NZZ mit den drei Schweizer Ökonomen Frey, Kurt Schiltknecht und Silvio Borner. Das Gespräch gibt Frey recht: Das Denken in Kreisläufen ist total tot. Alle drei waren sich mehr oder weniger darin einig, dass die &quot;weltrekordverdächtig hoch steigende Staatsquote&quot; und die hohe Staatsschuld ein echtes Problem sei. Nochmals Frey: &quot;Ich sehe natürlich die Probleme vor allem der impliziten Staatsschuld, also jener Verpflichtungen, die der Staat fest eingegangen ist. Diese Staatsschuld ist in den letzten Jahren explodiert. Das ergibt Riesenprobleme für unsere Altersversorgung.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer in Kreisläufen denkt, kann sich über die hohe Staatsschuld nicht wundern, weder über die ausgewiesene, noch über die implizite: Ein typisches Erwerbsleben besteht heute aus 40 Jahren Arbeit, 2 Jahren Arbeitslosigkeit, einem Jahr Krankheit und 20 Jahren Pensionierung. Wenn jeder für diese arbeits- und erwerbslose Zeit mit individuellem Sparen vorsorgen wollte, bräuchte es eine nationale Sparquote von 35 Prozent. Produktionstechnisch gesehen genügt jedoch die Hälfte davon, um das Bruttosozialprodukt herzustellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit ist auch klar, dass unser Sozialsystem eine Mischung aus individueller Vorsorge via Sparen und aus einem Umlage- oder Versicherungsverfahren sein muss.  Aus dem Umlageverfahren entstehen die von Frey genannten &quot;impliziten Staatsschulden&quot;. Aus dem Sparprozess ergeben sich die von Frey genannten expliziten, also die in den offiziellen Statistiken ausgewiesenen Schulden. Jedem Franken Sparguthaben muss rein buchhalterisch eine Schuld gegenüberstehen. Fragt sich bloss noch, wer der Schuldner sein soll. Da die Unternehmen (in ihrer Gesamtheit) dank überhöhten Preisen seit einiger Zeit sämtliche Investitionen aus den laufenden Einnahmen finanzieren können, bleibt nur noch der Staat als möglicher Schuldner übrig. (Und das Ausland, bzw. die USA).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz: Wer in Kreisläufen denkt, erkennt, dass die impliziten und die ausgewiesenen Staatsschulden nicht das Problem unserer Altersversorgung sind, sondern deren von uns gewollte Lösung. Natürlich könnte man auch darüber debattieren, ob es nicht noch bessere Lösungen gäbe. Doch für eine solche Debatte bräuchte es Gesprächspartner, die in Kreisläufen denken können - auch wenn sie nicht das Glück hatten, bei Gottfried Bombach zu studieren.&lt;br /&gt;

</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-05-27T18:07:12Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/20665">
    <title>Was Menschen mögen</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/20665</link>
    <description>&lt;br /&gt;
&quot;Die meisten Menschen haben eine Abneigung gegen Wettbewerb&quot;. Dieses Zitat steht als Titel über einem Interview der NZZ mit den drei Ökonomieprofessoren Silvio Borner, Bruno S. Frey und Kurt Schiltknecht. Man kann dieses Zitat auch umdrehen: &quot;Die meisten Ökonomen mögen die Menschen nicht, deshalb wollen sie ihnen den Wettbewerb aufzwingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die drei Ökonomen sind alle kürzlich 65 Jahre alt geworden. Sie haben ihren Beruf in einer Zeit gelernt, als die Ökonomie nur dem Namen nach eine Sozialwissenschaft war, und man sich nicht darum kümmern musste, wie der Mensch funktioniert. Im Gegenteil: Die Ökonomen sagten den Menschen, wie sie zu ticken haben, nämlich als individuelle Nutzenmaximierer und erbarmungsloser Wettbewerber. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei von den erwähnten drei haben dieses Stadium des normativen Besserwissens nie überwunden. Borner hat sein Menschbild sogar noch weiter verengt und ökonomisiert: &quot;Wenn wir jungen Menschen Fürsorge bezahlen, machen wir sie auch als Menschen kaputt.&quot; Im Klartext: Wer sich dem Wettbewerb entzieht, hört auf, ein Mensch zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der dritte, Bruno S. Frey, hingegen gehört zu den Pionieren, welche die Ökonomie auf eine humanere Grundlage stellen wollen. Human in dem Sinne, dass sie versucht, den Menschen so zu sehen und zu nehmen, wie er ist. Und echte Menschen sind weder genetisch noch psychisch auf totalen Wettbewerb programmiert. Sie brauchen wenn nicht Wärme und Geborgenheit, so doch zumindest die Sicherheit, die ihnen etwa eine staatliche Professur bietet, oder die Millionen, die Schiltknecht als rechte Hand von Martin Ebner ohne viel Mühe gescheffelt hat. Wettbewerb wird immer nur von zwei Sorten von Menschen gepredigt: Von jungen Bungee-Springern, die unter einem zu hohen Testosteron-Spiegel leiden, und von etablierten Herrschaften, die längst im sicheren Nest sitzen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die meisten Leute haben übrigens auch ein Gewissen. Das ist auch wieder so ein menschlicher Charakterzug, den Ökonomen wie Silvio Borner am liebsten ausmerzen möchten &quot;Wir brauchen keine gesellschaftlichen und ethischen Korrektive&quot;, meint er im NZZ-Interview. &quot;Vielmehr liegt im Wettbewerb selber eine ethische Dimension.&quot; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine höhere Gewalt befiehlt, der Mensch gehorcht und vergisst sein Gewissen. Das ist genau die Mentalität, die schon ziemlich viel Unglück über die Menschheit gebraucht hat.
</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-05-27T16:52:09Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/15928">
    <title>Seco privatisieren</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/15928</link>
    <description>Warum hat Österreich ein höheres Wirtschaftswachstum als die Schweiz, obwohl wir bei den Versicherungen, im Bankenbereich und in der Chemie mit einzelnen Firmen an der Weltspitze dabei sind, während Österreich fast kein Unternehmen von Weltruf hat? Aymo Brunetti, der Chefökonom des Seco hat sich im Interview mit der &quot;Aargauer Zeitung&quot; diese interessante Frage selbst gestellt und wie folgt beantwortet: &quot;Das Problem: In diesen Sektoren arbeiten nicht so viele Leute. (….) Eine Mehrheit arbeitet in der Schweiz im binnenorientierten gewerblichen Sektor&quot;, und dort, so sei der Wettbewerb zu wenig hart .&quot; Deshalb haben wir auch&quot;, meint Brunetti, &quot;in den letzten 20 Jahren ein deutlich tieferes Produktivitätswachstum als in den meisten OECD-Ländern.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An diesen Aussagen ist alles entweder unrichtig oder zumindest stark übertrieben. Zunächst erweckt Brunetti den falschen Eindruck als könne die Schweiz ihre Produktion noch mehr auf die profitablen Bereiche wie Banken, Versicherungen und Chemie verlagern. Tatsache ist aber, dass sich die Beschäftigung letztlich nach dem Bedürfnissen der Menschen richtet, und die Welt, die davon lebt, dass sich die Menschen gegenseitig das Vermögen verwalten, oder sich gesund pflegen (bzw. zu Tode verarzten), ist noch nicht erfunden. Zudem produziert die Schweiz auf diesen Gebieten ohnehin schon sehr viel mehr als sie selber konsumiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens: Nur weltfremde Akademiker können behaupten, dass etwa im Bau, in der Gastronomie oder im Detailhandel weniger Preiswettbewerb herrsche als bei den Banken, Versicherungen oder gar auf dem staatliche reglementierten und durch Zwangversicherungen kollektivierten Pharma-Markt. Umgekehrt wird vielleicht ein Schuh draus: Die Bauindustrie könnte wahrscheinlich produktiver sein, wenn es weniger Anbieter gäbe und wenn der Preiswettbewerb nicht ganz so hart wäre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit ist drittens auch keineswegs klar, dass der (angeblich) fehlende Wettbewerb auf dem Binnenmarkt schuld sei an der Wachstumsschwäche der Schweiz, falls es diese - viertens - überhaupt gibt. Ob die Schweiz in den letzten Jahren ein geringeres Produktivitätswachstum aufweist als die übrigen OECD-Länder ist nämlich keineswegs klar: Die Konjunkturforschungstelle der ETH in Zürich zumindest behauptet mit guten Argumenten genau das Gegenteil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um Missverständnissen vorzubeugen: Wettbewerb, Deregulierung und Privatisierung sind nicht grundsätzlich schlecht. Beispielsweise könnte die wirtschaftspolitische Grundversorgung der Schweiz wesentlich verbessert werden, wenn der Bundesrat das Seco über die Börse privatisieren und sich seine Meinung auf dem freien Markt bilden würde statt sich ausschliesslich auf den Staatsmonopolisten Seco zu verlassen.
</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-05-16T16:05:21Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/14503">
    <title>Hecken schneiden</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/14503</link>
    <description>&quot;Wir schneiden Ihre Hecken und servieren an Ihrem Gartenfest.&quot; Mit grossformatigen Plakaten wird das Sozialdepartement der Stadt Zürich für seine &quot;Dienstleistungen aus Sozialen Betrieben&quot;. Diese Dienstleistungen werden von Sozialhilfeempfängern erbracht, die auf dem normalen Arbeitsmarkt keine Stelle gefunden haben und deren Arbeit vom Staat organisiert und subventioniert wird. Diese Woche hat sich der Zürcher Gewerbeverband gegen diese &quot;Schmutzkonkurrenz&quot; gewehrt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Deutschland gibt es inzwischen schon Hunderttausende dieser subventionierten Jobs und entsprechend heiss tobt die Diskussion darüber. Soll man einen Mindestlohn einführen, um dem Lohndruck zu begegnen? Soll der Staat billige Arbeit subventionieren? Und wenn ja, wie? Mit Lohnzuschüssen, oder indem man die Sozialhilfe mit der Arbeit verknüpft? In Deutschland nennt man das &quot;aktivierende Sozialhilfe&quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &quot;Financial Times Deutschland&quot; hat zu diesem Thema kürzlich einen Beitrag der Münchner Ökonomieprofessorin Monika Schnitzer veröffentlicht, der ziemlich genau die (in Deutschland) herrschende Lehrmeinung zu diesem Thema widerspiegelt. Hier die wichtigsten Auszüge:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Warum findet sich für manche anständige Arbeit niemand, der bereit ist, dafür einen anständigen Lohn zu zahlen? Antwort: Die Arbeit schafft nicht soviel wert, wie eine anständige Entlohnung kosten würde (….) Also packen wir unsere Einkaufstüten selbst, wir lassen unser Auto in der automatischen Waschanlage putzen, und wir zahlen am Kassenautomaten. (statt beim Kassierer). Wer nur noch zu solch gering qualifizierten Tätigkeiten in der Lage ist, hat also keine Chance auf Beschäftigung bei angemessener Entlohnung. Führt man Mindestlöhne ein, so gibt es einfach noch weniger solche Jobs. (Es hilft also nichts: Im Bereich der gering qualifizierten Beschäftigung können Arbeitsplätze nur geschaffen werden, wenn die Löhne fallen. (….) Viel zielgerichteter ist das Konzept der aktivierenden Sozialhilfe. Hier subventioniert der Staat direkt die bedürftigen Menschen, die mit ihrer Arbeit nicht genügend verdienen, um davon anständig leben zu können. &quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das klingt und ist logisch. Doch jede Logik ist nur so gut, wie die Prämissen, von denen sie ausgeht. Frau Schnitzer geht davon aus, dass die Beschäftigung ein Selbstzweck, und Vollbeschäftigung damit ein erstrebenswertes politisches Ziel sei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir stattdessen einmal davon ausgehen, dass die Arbeit bloss dazu dient, unsere materiellen Bedürfnisse (so weit vorhanden) zu decken, (und dass auch Exporte nur den Zweck haben, unsere Importe zu finanzieren) dann sieht die Sache ganz anders aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dieser Prämisse könnte man dann das beschäftigungspolitische Ziel so formulieren: Jeder soll seinen Lebensunterhalt mit der eigenen Arbeit bestreiten können. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu muss man wissen, dass die Arbeitszeit, die Deutschland letztes Jahr benötigt hat, um das Bruttosozialprodukt samt 5 Prozent Leistungsbilanzüberschuss zu erarbeiten, bloss 23 Stunden pro Woche beträgt (sofern man sie rein rechnerisch auf 20 bis 65jährigen verteilt.) Die Tendenz ist sinkend. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann das auch so formulieren: Die Deutschen wollen 40 Stunden pro Woche arbeiten, aber nur für 22 Stunden (dazu kommt eine Stunde für den Exportüberschuss) konsumieren. Sie versuchen, mit anderen Worten, nicht nur den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch den ihrer Nachbarn im In- und Ausland- die sie damit zu Arbeitslosen machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun kann man entweder akzeptieren, dass die Leute keine fünf Stunden pro Tag arbeiten müssen und deshalb Zeit haben, die Hecke selber zu schneiden und die Einkäufe selber eintüten, oder man kann versuchen, für alle diese (zu Marktpreisen) nicht erwünschten Dienstleistungen einen subventionierten Markt zu schaffen, und sich einzureden, dass es Millionen von Deutschen gibt, die zu keinen besseren Arbeiten mehr zu gebrauchen, oder zu qualifizieren sind. Mann muss dann auch in Kauf nehmen, dass der Staat eine riesige Arbeitsbürokratie aufbaut. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder man kann dafür sorgen, dass jeder (nur) seinen Lebensunterhalt selbst erarbeitet indem man den zeit- und teilweisen Ausstieg aus der Erwerbsarbeit fördert. &lt;br /&gt;

</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-05-13T18:21:02Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/9676">
    <title>Zwei Antons ergreifen ihre Chance</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/9676</link>
    <description>Anton Menth (66), Verwaltungsratspräsident der Post, hat im Gespräch mit dem SonntagsBlick den Abbau von weiteren 5000 Stellen bei der Post vorhergesagt Doch, so tröstete Papa Menth, &quot;weder das Volk noch die Beschäftigten der Post müssten Angst vor Veränderungen haben, vielmehr sollten sie sie als Chance begreifen.&quot; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderer älterer Anton namens Scherrer (63) von einem anderen Staatsbetrieb, der Swisscom, hat sich kürzlich ebenfalls öffentlich darüber Gedanken gemacht, dass seinem Betrieb langsam aber sicher die Arbeit ausgeht. Auch er begreift das als Chance, aber er ist nicht bei der hohlen Phrase stehen geblieben, er hat wie folgt nachgedacht: &quot; Wenn die Swisscom nicht einfach schrumpfen und schrumpfen soll, bedingt dies, dass wir neue Geschäftsfelder erschliessen können. Wir müssen Fernsehen machen können. Und wir bieten heute schon Informatikdienste für Dritte an. Oder wir benötigen bei den Finanzdienstleistungen weitere Möglichkeiten.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Scherrers neue Geschäftsfelder sind keineswegs neu: Fernsehen gibt es per Schüssel schon auf 723 Kanälen. Bei der Informatik schreitet die Rationalisierung noch schneller voran als in der Telekommunikation und die Schweiz gilt gemeinhin als &quot;overbanked&quot;. Im Klartext: Wir ersaufen in den Finanzdienstleistungen. Und überhaupt: Warum soll ein Fernmeldeunternehmen Bank spielen, Filme drehen und die Informatik, die es transportiert, auch noch selber machen? &lt;br /&gt;
Ganz einfach: Weil sie das Geld dazu hat. Weil sie als Quasi-Monopolist von den Kunden überrissene Preise verlangen und endlos Finanzreserven anhäufen kann. Dieses Geld begreift Scherrer als Chance, um seine Macht zu mehren und den eigenen Job noch sicherer zu machen. Doch das Volk und die Beschäftigen - um den dünnen Faden von Menth aufzugreifen, werden damit ihre Sorgen nicht los. Ihre Jobs werden nicht dadurch sicherer, dass ein paar tausend Arbeitsplätze den Arbeitgeber wechseln - und in Zukunft von Anton Scherrer wegrationalisiert werden, statt beispielsweise von Marcel Ospel oder von Ingrid Deltenre?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer Chancen ergreifen will, muss zuerst begreifen, was geschieht. Nämlich dies: Der technologische Fortschritt rationalisiert flächendeckend unsere Arbeitsplätze weg. Das kann man bedauern. Man kann es aber auch als Chance begreifen, nämlich als Chance für mehr Freizeit und Musse. Wer stattdessen hektisch nach anderen Tätigkeitsfeldern sucht, hat gar nichts begriffen.
</description>
    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-05-06T16:33:44Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/1634">
    <title>Chefökonom</title>
    <link>http://blick.ch/sonntagsblick/weblogs/vontobel/stories/1634</link>
    <description>Jean-Daniel Gerber ist als Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft gleichsam der Chefökonom der Schweiz. Man sollte deshalb erwarten, dass er die Grundlagen der Volkwirtschaft versteht. Sein jüngstes Editorial in der Hauszeitschrift &quot;Die Volkswirtschaft&quot; lässt daran Zweifel aufkommen. Gerber setzt sich darin mit der Frage des Rentenalters auseinander. Dabei räumt es ein, dass es &quot;ökonomisch betrachtet sinnvoll ist, dass ein Teil des höheren Wohlstandes in Form von zusätzlicher Freizeit - vor allem am Lebensende - konsumiert wird.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies, so gibt Gerber zu bedenken, seil allerdings dann problematisch, &quot;wenn eine frühe Verrentung versprochen und Anwartschaften versprochen werden, denen kein Gegenwert gegenübersteht. Die Leidtragenden dieser ungedeckten Versprechen sind die Erwerbstätigen von morgen.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das kann man auch umdrehen. Gerber macht hier eine Aussage, der null intellektueller Gegenwert gegenüberseht. Die Leidtragenden dieser ungedeckten Analyse sind die Erwerbstätigen von heute.&quot; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Problem liegt darin, dass Gerber die volkswirtschaftliche und die betriebswirtschaftliche Ebene des Rentenproblems nicht unterscheidet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gehört zum volkswirtschaftlichen Einmaleins, dass alle Renten immer aus dem laufenden Sozialprodukt bezahlt werden. Anders gesagt: Ob die Renten finanzierbar sind, hängt einzig davon ab, ob des Sozialprodukt hoch genug ist. Dabei spielt es keine Rolle, wie hoch die finanziellen Guthaben der Rentner sind. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der betriebswirtschaftlichen Sicht der Versicherung hingegen ist die Höhe der finanziellen Reserven entscheidend. Ob die Rente sicher ist, hängt davon ab, ob genügend Sparkapital vorhanden ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laien, wie Gerber, schliessen daraus, dass die Rente aus dem Sparkapital, also gleichsam aus der Reserve, finanziert werde. Das ist falsch. Volkswirtschaftlich gesehen kann man keine Reserven anliegen. Das ganze Sozialprodukt wird (von den Schwankungen der Handelsbilanz abgesehen) Jahr für Jahr total verbraucht. Das Sparkapital ist gleichsam nur der Gutschein, mit dem die Rentner ihre Ansprüche auf das Sozialprodukt anmelden können. Genau so wie die AHV-Rentner ihren monatlichen &quot;Gutschein&quot; erhalten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gutscheine kann man notfalls drucken. Gerbers Gerede vom fehlenden Gegenwert ist aber nicht nur gegenstandslos, sondern auch gefährlich. Es weckt nämlich die Illusion, dass man den Gegenwert für die künftigen Verpflichtungen durch fleissiges Sparen und durch das Äufnen von Sparguthaben im voraus schaffen könne. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch was geschieht, wenn die Aktiven im Hinblick auf ein langes und teures Alter noch mehr sparen und noch weniger konsumieren? Ganz einfach: Die Wirtschaft richtet sich darauf ein. Die Unternehmen werden weniger herstellen und müssen entsprechend auch weniger investieren. Damit aber sinkt das künftige Sozialprodukt. Damit haben die Rentner zwar mehr Gutscheine, aber die Schweiz hat weniger Güter. Der Verteilungskampf ist programmiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb wäre es beruhigend, wenn die Schweiz einen Chefökonom hätte, der die Volkswirtschaft von der Betriebswirtschaft unterscheiden kann.
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    <dc:creator>Werner_Vontobel</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 Werner_Vontobel</dc:rights>
    <dc:date>2006-04-13T09:43:46Z</dc:date>
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