instant critic
"Drei Schwestern" im Basler Schauspielhaus
Bleiben. In Zürich.
"Die drei Schwestern" stehen inmitten einer Umbruchszeit. In der Provinz lässt es sich leicht träumen: von Moskau, vom wahren Leben. Dort wollen alle hin – und bleiben letztlich doch hier, im Alten, im Alltag, im selben Schiffbauchraum mit Reling auf dem Deck (Bühne: Alain Rappaport).
Regisseur Matthias Günther liest seinen Tschechow aktualisiert als Adoleszenzstück. Seine Beobachtung: die Jugend hört heute nimmer mehr auf. Noch mit 50 fühle man sich jung – bekomme aber kaum noch einen Job. Ein unauflöslicher Widerspruch, an der die Generation der heute 40jährigen scheitern wird.

©sebastian hoppe
Nur logisch, dass er seiner Inszenierung seinen eigenen Sound verpasst: von Cat Stevens etwa oder den Beatles. Klingt verstaubt. Wie das Warten in der Provinz. Und es ermöglicht mitunter irrwitzige Szenen, die von Wehmut zeugen und von ewiger Party! Die Regie wischt die historische Utopie der Entstehungszeit (Umbruch in die antibürgerliche Sowjetgesellschaft) gleich mit Brecht Zitaten in die heutige Vergangenheit ("wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?"). Utopie? Eine leere Hülse!
Dünnes Leben
Merkwürdig dünn bleibt der Abend dennoch. Ist das nur konsequent? Oder billig? Jedenfalls: Dünn bleibt auch unser jugendliches Leben, wir werden nie erwachsen und verspielen Leben und alles. Wo wollten wir nicht überall hin? Und sind doch geblieben. In Basel. In Zürich.
technisches:
Schauspielhaus Basel
«Die drei Schwestern»
A: Anton Tschechow
R: Matthias Günther
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
weitere Aufführungen: 6., 24. Mai
siehe: www.theater-basel.ch
peter_exinger - 26. Apr, 10:14
Julius Caesar im Theater Neumarkt
Knapp, kurz, kongenial
Diesmal ist Kürze ein Gebot des Lobes für einen 90minütigen Abend: "Julius Caesar" von Shakespeare im Theater Neumarkt, wird als bislang bemerkenswerteste Inszenierung der Direktion Wolfang Reiter in Erinnerung bleiben (R: Ingo Kerkhof).
Ernsthaft, dramatisch, gross ohne grosse Geste, gar ohne jeden Firlefanz und Pomp, gespielt in Strassenanzügen, mit stark reduzierten Mitteln, sich nur vom Text leiten lassend (der schärfer als ein Schwert!), stellt das Ensemble (4 Mann und 3 Frau hoch) die Tragödie um einen herrschsüchtigen Staatsmann mit grossem Personal auf den Theaterboden. Und ist damit umso ungewöhnlicher: hält gar zwei Schulklassen (vor Beginn kichernd, nach dem Applaus kichernd) in Bann und Stille.

Leopold von Verschuer als Julius Caesar ©mouton.ch
Von jenem innigen storytelling verträgt Zürich durchaus mehr. Man könnte meinen, das Neumarkt habe nun endlich seine Bestimmung gefunden und die erste Antriebsrakete in Richtung zufriedenstellender Auslastung gezündet. Nein, wir verlieren diesmal lieber wenige Worte; diese Aufführung verdient kundige Zuschauer und ein verführbares Publikum. Und volle Reihen sowieso. Bloss eine Anmerkung noch: Birgit Stöger als Cassius - ein reizvolles Erlebnis!

Birgit Stöger als Cassius ©mouton.ch
weitere Aufführungen: 8. 11. 12. 18. Apr., 2. 3. 4. 5. 6. Mai 2006, jeweils 20:00
www.theaterneumarkt.ch
peter_exinger - 8. Apr, 08:45
"Rote Nasen" von Peter Barnes
Unerreicht gross
Mit diesem Stück zielt das Theater Kanton Zürich über die Köpfe des Publikums. Das ist mutig. Mehr als mutig. Denn sie könnten es sich wesentlich einfacher machen. Tod und Lachen liegen in dieser Erzählung grotesk nah beieinander. Einige Higlights: Elisabeth Berger als Papst, grosse Klasse, keine ihrer Gesten ist zu viel. Bemerkenswert auch: Antonio da Silva.
rechts: Antonio da Silva
Markus Quendler: einmal mehr unerreicht als Ministrant – so gucken können nur Katholiken. Und als Blinder rührt er mit einem Regieeinfall von Jordi Vilardaga; er schliesst den Sterbenden die Augen – was für eine wunderbare Geste!
Kabienttstückerln
Der Abend bietet auch zwei Kabinettstückerln von Herrn Hottinger: einmal den Monty-Python-Verschnitt, als Frau im Männerkörper; und einmal als veritabler Goebbels in Kardinalskluft.
Das beste kommt zum Schluss: Diese Dämmerszene in den Notausgang hinein. Die Glaubensmaschine Theater fährt mit "Rote Nasen" praktisch allradgetrieben auf schwierigem Terrain: Kleine Requisite, grosses Statement!
Das TZ ist mit "Rote Nasen" am 11. und 12. April im Theater Rigiblick (jeweils 20.00 Uhr) zu Gast. Reservationen über: 052 212 14 42
www.theaterkantonzuerich.ch
peter_exinger - 6. Apr, 18:02
Schauspielhaus/Schiffbau: «Brennende Finsternis»
Traurige Blindheit
Der Fundus feiert Hochzeit in der Schiffbauhalle. Betten, Kleider, Sessel, Tische, Lampen und jede Menge Plunder und Klumpert stehen auf einer riesigen Bühne – einzelne Zimmer ohne trennende Wände – jedes einer Person zugeordnet – und das Publikum muss sich einer Karawane gleich durch diese riesige Wohnlandschaft arbeiten, zu seinen Rangplätzen mit Operngucker. So beginnt die ganze Chose gleich mal 12 Minuten später als angesetzt. Auch sonst hat der Abend in der Regie des Letten Alvis Hermanis sein eigenes Tempo der Ruhe und Gelassenheit: 2einhalb Stunden ohne Pause – bitte, vorher pinkeln nicht vergessen!

Gruppenbild der Blinden ©Arno Declair
Mord
Das Drama von Antonio Buero Vallejos «Brennende Finsternis» ist ziemlich eindimensional und nur für sich genommen ziemlich uninteressant. Im Blindeninstitut des Don Pablo leben die Menschen glücklich und selbstbewusst, als wäre ihr Leben eines ohne jedes Handikap. Bis der 16jährige Ignacio in der Gestalt des wesentlich älteren Fritz Schediwy dazustösst. Dieser empfindet seine Blindheit sehr wohl als Behinderung, als Schmach und himmeltraurigen Zustand. Seine Zweifel bringen die Blinden in Unruhe und Aufruhr, seine Bemerkungen säen Streit und Beziehungsknatsch. Am Ende steht sein Tod – vielleicht Mord um des lieben Friedens Willen …

Hunger-Bühler und Schediwy: beide blind. ©Arno Declair
Holz
Die Dialoge wirken ein wenig hölzern; stellt man sie aber in den zeitgeschichtlichen Rahmen, auf den sie sich beziehen, erhält die Inszenierung – trotz aller Zähigkeit – eine grössere Dimension, Stichwort: spanischer Bürgerkrieg. Und: Es geht um die allgemeine und auch heutige Lüge der Gesellschaft, ihr Unglück nicht begreifen, sehen zu wollen.
Hermanis unglaubliche Fülle an Zeichen und Requisiten zerfasert unseren Blick, lenkt uns immer wieder ab, zerstreut unsere Konzentration. Manche verleitet das zu einem kleinen Nickerchen. Das ist dann auch eine Art Blindheit. Klassenziel erreicht.
technisches:
Schauspielhaus Zürich
Schiffbauhalle
«Brennende Finsternis»
A: Antonio Buero Vallejo
R: Alvis Hermanis
Dauer: 2 Stunde 30 Minuten, keine Pause
weitere Aufführungen: 26., 29. März (weitere folgen)
siehe: www.schauspielhaus.ch
peter_exinger - 24. Mrz, 16:34
Theater Kanton Zürich: "Geierwally"
Dauersüffel mit Rückgrat
Die Welt ist ein Wirtshaus. Und dort werden Geschichten erzählt. Und was für welche. Geschichten vom Leben und Hass und Tod. Auch die tragische Liebesgeschichte der reichen Bauerntochter Geierwally macht nicht vor dem Stammtisch halt. Die Wally ist dem Vinzenz versprochen, aber den Joseph will sie haben und sonst keinen, gegen den Willen ihres sturköpfigen Vaters, der sie daraufhin in die wüsten Berghöhen schickt – schaurig schlagen die Herzen unter einsamen Geigenklängen.
Im Wirtshaus ©li sanli
So funktioniert Volkstheater: An einem Ort, wo das Volk sich versammelt, beim Bier. So sieht Heimat aus: Da sitzt ein Dauersüffel und schwadroniert sich durch sein Leben und das Leben aller anderen auch, neunmalklug und immer einen träfen Spruch auf den Lippen. Der parliert viffer, als man ihm gemeiniglich zutrauen würde. Helmut Jaekel macht aus dieser Trinker-Figur mehr als ein sehenswertes Kabinettstückerl, er hält den Abend regelrecht zusammen, gibt ihm Rückgrat, Richtung (Text: Theresia Walser und Karl-Heinz Ott nach dem Roman der Wilhelmine von Hillern).
Geierwally und Joseph ©Li Sanli
Und noch eine Szene mit Saft und Kraft, voll knorriger Knechtschaft: Nikodemus und Leander (Antonio da Silva und Markus Quendler in ihren Zweitrollen), wie sie die Geierwally retten während sie ihr Süppchen schlürfen. Gar köstlich anzusehen. So inszeniert der Hausherr, Jordi Vilardaga, diesmal reduziert: einen Lebensbogen in 80 Minuten. Knapp, ganz knapp. Mit vielen, vielen Stirchen. Das Publikum sitzt dichtgedrängt wie Geröll zwischen diesen zeitlosen Berglern, die in ihren innigsten Momenten jedweden Dialekt sprechen. Die sind ganz bei sich.
menschliches Unglück
Doch ist's ein Unglück mit den Menschen: Sie begehren immer das, was sie nicht kriegen können. Der Geierwally geht es so. Und mir ein wenig auch – ich gebs zu: Gern hätt ich noch mehr gesehen von dieser Frau, die so gefährlich scheint, dass sie denn Männern nie Beute werden will und letztlich doch wird. Rachel Matter konnte wohl kaum alles ausspielen, was sie an Wut und Kraft in sich hat. Und das – und nur das! – gibts zu bekritteln.
technisches:
Theater Kanton Zürich
«Geierwally»
A: Theresia Walser/Karl-Heinz Ott nach Wilhelmine von Hillern
R: Jordi Vilardaga
Dauer: 80 Minuten, keine Pause
weitere Aufführungen: 24. bis 26. März (weitere folgen)
siehe: www.theaterkantonzuerich.ch
peter_exinger - 23. Mrz, 17:34
"Am Hang" im Zürcher Theater Stadelhofen
Saufen statt Dinieren
Zwischen Bern und Zürich gibt es doch grosse Unterschiede. Während das Stadttheater für die Uraufführung vor zwei Wochen ins plüschig-gold-rote Hotel Belluve zügelte, begnügt sich die Zürcher Produktion mit der familiär-kargen Kellerbühne vom Theater Stadelhofen.
Brigitte Soraperra geht mit dem Stoff von Markus Werners Erfolgsroman "Am Hang" direkt an die Geschichte zweier Männer, die sich zufällig treffen – sie finden beim gemeinsamen Genuss mehrerer Flaschen Weissweins zusammen (in Bern dinierten sie). Das Team um Soraperra hält sich also nicht mit Zierart auf, sondern packt den Stoff mit Bühnenmitteln, erzeugt Spannung, spielt mit Sprachwitz und treibt den Plot voran.
© Tanja Dorendorf
Klaus Henner Russius gibt jenen durch den Tod seiner langjährigen Partnerin enttäuschten Witwer: vergrämt, knatterig und ironisch verzweiflend an der Welt. Sein Widerpart Daniel Rohr lebt mit offenem Hemd als Junggeselle in den Tag hinein. Ein Scheidungsanwalt? Wohl eher nicht. Was seiner Figur zu Autentizität verhilft: Er macht gleichzeitig auch noch den Erzähler. So unterhält der Abend mehr als gut. Lässt uns miträtseln, ob nicht wohl doch der Jungeselle mit der Frau des anderen ein Gspusi hatte.
© Tanja Dorendorf
Kurzweilig spielt diese Produktion phantasivoll mit ein paar Theaterideen (Flaschenpinkeln!), bleibt geradlinig und kompakt. Erklärt bloss zu Schluss mit dem Auftritt von Ariane Senn als Atemtherapeutin (und Ex-one-night-stand-Partnerin des Junggesellen) gar zu viel, anstatt ein wenig in Schwebe zu halten; und damit ein kleines Geheimnis, eine kleine Unsicherheit zu wahren. Und das wäre doch Aufgabe zeitgenössischen Theaters: Fragen stellen, dem mündigen Publikum noch etwas mit auf den Weg zu geben.
Nur in einem unterscheiden sich die beiden Aufführungen nicht: Sie sind ausverkauft.
technisches:
Theater Stadelhofen
«Am Hang»
A: Markus Werner
R: Brigitta Soraperra
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten
weitere Aufführungen: 4., 5., 17., 18., 19. Februar (weitere folgen)
siehe: www.theater-stadelhofen.ch
peter_exinger - 4. Feb, 15:47
Dürrenmatts alte Dame am TZ-Winterthur
Ansonsten: Bitte, nein!
Fast auf den Tag genau 50 Jahre nach der Uraufführung am Schauspielhaus Zürich präsentiert das Theater Kanton Zürich den modernen Schweizer Dramenklassiker schlechthin: "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt. Das scheint kommerziell nicht ungeschickt - spielt doch das Ensemble rund um Theaterleiter Jordi Vilardaga vorwiegend Überland, in Dörfern und Schulen.
Nun braucht es nur noch eine Idee, um dieses Stück rund um die Käuflichkeit des Menschen motiviert auf die Bühne zu bringen; es braucht kräftige Szenen, grundechte Menschen, die inneren und äusseren Konflikte müssen zum Greifen sein.
Der Besuch der alten Dame © Li Sanli
Bedauerlicherweise bekommt das Publikum nichts davon. Fatal: Wenn die schwächsten Schauspieler im Ensemble nicht mehr auffallen (und die Guten auch nicht!). Der Abend macht den Eindruck grosser Lust- und Willenlosigkeit, als wären die Figuren blutleer. Keine einzige Szene besitzt Lebendigkeit, gar nichts will an diesem Abend auch nur im Ansatz echt klingen oder vertraut. Das kommt einem Totalversagen der Regie gleich (Olga Wildgruber) - hat sie eine Idee, verrät sie diese im nächsten Moment. Diese Inszenierung besitzt vieles, was wir an Laienbühnen noch schätzen: grosser Stoff, k(l)eine Mittel - und die Freude darüber, nicht selbst auf der Bühne stehen zu müssen.
Elisabeth Berger als Claire Zachanassian © Bruno Bührer
Manches - wir schwarze Panter müssen es so sagen - war schlicht indiskutabel, geradezu peinlich, ja hilflos. Bis zur Pause knurrten wir nur missmutig über die Bewohner des Ortes Güllen, über diesen tönernen Ill, dessen Kopf die alte Dame gegen eine Milliarde fordert (sie soll ihn haben, und Schluss!). Am Ende rieben wir uns nur noch die Augen und staunten: über ein Bühnenbild, das seine Geschichte in zwei Sekunden erzählt und ansonsten in Hässlichkeitswettbewerben einen vorderen Platz belegen würde; über unsere liebgewordenen Spieler, die ihre Leistung allesamt schuldig bleiben. Doch: Die alte Dame können wir loben. Elisabeth Berger. Ihre Mühe ist hervorzuheben. Ihr Takt. Ansonsten aber: Nein.
technisches:
Theater Kanton Zürich
«Der Besuch der alten Dame»
A: Friedrich Dürrenmatt
R: Olga Wildgruber
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, inkl. Pause
siehe: www.theaterkantonzuerich.ch
peter_exinger - 26. Jan, 14:44
"Im weissen Rössl" am Theater Basel
Österreichisch leicht
Das ist Unterhaltung der ganz leichten Art: lieb, nett, österreichisch. Bloss schwenken sie die falschen Fähnchen, wenn der Kaiser auftaucht - rot-weiss-rot (Spatzls! Das sind die Farben der Republik!). Im "weissen Rössl", einem Gasthaus am Wolfgangsee im Salzkammergut, dreht sich natürlich alles um die Liebe ("Es muss was Wunderbares sein, von Dir geliebt zu werden"). Und ein bissl Robert Stolz haben sie auch noch in den Ralph Benatzky eingeschmuggelt, was gut-tut ("Die ganze Welt ist himmelblau").

© pex
Die Hauptrolle gab sonntags die Zweitbesetzung: Klaus Brömmelmeier. Glücklich, ein Theater, das auf solche Spieler zurückgreifen kann. Überraschend bleibt eigentlich nur die Frage, warum es diese Operrettenaufführung trotz Leichtigkeit und hohem Unterhaltungswert nur auf geschätzte 70 % Auslastung an einem Sonntag bringt.
technisches:
Theater Basel
«Im weissen Rössl»
A: Ralph Benatzky
R: Rafael Sanchez
Dauer: 2 Stunde 25 Minuten, eine Pause
weitere Aufführungen: 27. Januar, 4., 14. und 24. Februar 2006
siehe: www.theater-basel.ch
peter_exinger - 24. Jan, 10:18
Uraufführung "Am Hang" in Bern
Phantasiemaschine, brummt
Zwei Männer erzählen einander aus ihrem Leben. Der Eine (Thomas Mathys als Thomas Clarin) ein peinlich korrekter Lebemann und Junggeselle. Der Andere (Michael Günther als Thomas Loos) ein himmeltrauriger Witwer, bärig, verzweifelt. Das klingt folgendermassen: "Die Ehe entspricht nur wenigen und überfordert die meisten." So lauten Sätze aus weisen Romanen.
Gespräch unter Männern ... ©Edouard Rieben
Vielleicht sind ja die Menschen gar nicht so uninteressant, wenn sie erst mal ins Reden kommen. Dann läuft nämlich die Phantasiemaschine, auch genannt: Theater. Diesmal brummt sie im Hotel Bellevue zu Bern, im Salon Rouge. Zwei Männer treffen sich zur Uraufführung bei Tisch. Wie im erfolgreichen Roman "Am Hang" des Schweizer Autors Markus Werner. Das heisst: Die Phantasiemaschine Theater läuft, na ja, in einer Phantasiemaschine: dem Hotel Bellevue. Doppelung, Koppelung. Diese reiche Laszivität, die Fin-de-Siecle-Contenance. Man wollt das Ambiente manchmal gerne würgen.
Jedenfalls könnte es sein, dass einer der beiden Männer mit der Frau des Anderen etwas mehr hatte als nur gute Gespräche. Was uns Verdacht schöpfen lässt? Worte, keine Gesten. Schade, wenn das in einer Phantasiemaschine passiert.
... und Gespräche zu blauer Stunde ©Edouard Rieben
Doch verfehlt der Abend sicher nicht sein Publikum (alle Vorstellung bis und mit April sind bereits ausverkauft). Prekär aber ist nichts. Und das müsste es sein: prekär. Schliesslich geht es um wirklich wichtige Dinge: Treue, Liebe, sowas halt. Die beiden vernichten jede Menge Wein: einer säuft, der andere süffelt. Es ist nur Wasser. Und das in einer Hotelmaschine, wo nebenan auf Stehempfängen nur kostbare Flüssigkeiten die Kehlen netzen.
Also ein Abend für Bürger, in dem sich die Theatermaschine am Ende vollkommen dekonstruiert präsentiert: Die Tische zusammengestellt, die Stühle aufeinandergestellt, das Licht ernüchternd - alle, alles weggeräumt. Und somit Ende.
technisches:
Stadttheater Bern
«Am Hang» Uraufführung
A: Markus Werner
R: Anina La Roche
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten
weitere Aufführungen: 22. und 31. Januar, 1., 11., 14., 16., 17., 19., 21., 22., 23. und 26 Februar, 8., 10., 11., 12. und 22. April.
siehe: www.stadttheaterbern.ch
Nachtrag: Trotzdem wir im Zeitalter von Einsparungspotentialen leben, habe ich der Kollegin von der SDA (Schweizerischen Depeschen Agentur) während der Uraufführung einen Kugelschreiber geborgt, weil ich bemerkt habe, dass ihr Schreibgerät keinen Saft mehr hatte. Bin schon ein ganz ein Lieber, gell?
peter_exinger - 20. Jan, 13:17
«Optische Trilogie» im Theater Winkelwiese
Passivrauchen ist wie Porno
Einen Mann und eine Frau, mehr braucht der 28jährige Autor Alfian Bin Sa'at aus Singapur nicht, um drei Geschichten zu erzählen, die von existentieller Wucht sind. Sehr exotisch bloss, weil aus Singapur. Ansonsten haben alle drei Szenen mit uns zu tun - es geht um Licht, Sehen, Erleben: das meint Liebe, Intimes, Sex (variantenreich durchkonjugiert - nicht gespielt!).

© judith schlosser
25. Juli 2001, Morgens, Singapur: Alle drei Szenen spielen innerhalb hellweisser Leinwände und kommen mit knappen Requisiten aus. 1. Sie hat sich einen Callboy engagiert. 2. Session mit einem blinden Foto-Model. 3. Blind-Date: Sie macht ihm einen Heiratsantrag - nur leider ist er nicht nur schwul. In allen drei Szenen treten auf: Vivianne Mösli und Manuel Bürgin. Sie schillern mitunter, befetzen sich, kommen sich zu nah. In Manuel Bürgin zwinkert in seinen besten Momenten ein kleiner Robbie Williams.

Meine Herren! Vivianne Mösli. ©Judith Schlosser
Eine Gitarre kreischt. «Jimi Hendrix!», wispert wer. Ist auch egal. Wer will schon wissen, wer da Gitarren malträtiert, wenn Vivianne Mösli ein wenig zauberhafte Realitätsentrückung in ihre blinde Figur legt und damit sanft abhebt? «Ach, Passivrauchen ist wie Porno», winkt sie ab. Und wir wissen, sie weiss, wovon sie spricht - auch wenn sie selbst beim Rauchen gar nicht inhaliert. Nie. Das ist dann grosses Spiel, meine Herren!
technisches:
Theater Winkelwiese Zürich
«Optische Trilogie» europäische Erstaufführung
A: Alfian Bin Sa'at
R: Stephan Roppel
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten
weitere Aufführungen: 19., 20., 21. und 26. Januar, 9.-11., 16.-18., 23.-25. Februar (jeweils 20.30 uhr) sowie 29. Januar (17.00 uhr)
siehe: www.winkelwiese.ch
peter_exinger - 14. Jan, 13:16
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